Kommentar der anderen: Die Karriere eines Liedes

6. Dezember 2005, 19:59
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Zur immer noch – und nicht nur bei Beatles-Fans – fortwirkenden Geschichte des Kult-Songs "Imagine" - Frederick Baker erinnert sich

Erinnerungen anlässlich des 25. Jahrestages der Ermordung von John Lennon.


Die Welt hat sich John Lennon auf vielfache Weise seit dessen Ermordung in New York am 8. Dezember 1980 vorgestellt. Für die Millionen Menschen, die seit jener verhängnisvollen Nacht das Licht der Welt erblickten, existiert John Lennon als eine Beatles-Scheibe, ein Gesicht auf einem Fernsehbildschirm oder als Sinnbild der 68er-Generation. Manche werden sich vielleicht auch an seine letzte Reise nach Wien und an das legendäre "Bed-In for Peace" in Wiens "Chocolate Cake Hotel" – Lennons Bezeichnung für das Sacher – erinnern.

Lennon war immer der politischste aller Beatles. Er hätte es sicher gerne gehört, als der Menschenrechtskämpfer Jesse Jackson einer Million Anti- Irakkrieg-Demonstranten zurief: "Imagine Gandhi, Imagine Dr. King, Imagine Mandela, Imagine Lennon." Wir werden nie wissen, was Lennon für jene Menschenmenge im Londoner Hyde Park im Jahr 2003 gesungen hätte, aber zieht man Jacksons Rede in Betracht, dann wäre es wohl "Imagine" gewesen – "Imagine", die 1971 entstandene utopische Ballade über eine bessere Welt, die selbst die pragmatischen Briten zum beliebtesten Songtext des 20. Jahrhunderts gewählt haben. Ironischerweise war es Lennons Tod, der die Karriere des Songs initiierte, der 1980 als Nr.1 in den Charts landete und seitdem mehr und mehr an Bedeutung gewinnt.

Nach 9/11 gab Yoko in Auftrag, den Vers "Imagine all the people, living life in peace" auf einer riesigen Plakatwand hoch über dem Times Square anzubringen. 2003 installierte der Galerist Klaus Engelhorn Yokos Botschaft "Imagine Peace" an der Fassade des Wiener Westbahnhofes für ein ganzes Jahr. Heuer sang Madonna den Song zum Abschluss ihrer Benefizkonzerte zugunsten der Tsunami-Opfer. Das Klavier, auf dem "Imagine" komponiert wurde und das George Michael für die Weltrekordsumme von 1,45 Millionen Pfund gekauft hat, steht nun als Leihgabe in Londons Madame Tussauds Wachsfigurenmuseum. Ironischerweise ist es das einzige reale Objekt im ultimativen Palast erfundener Figuren!

Die Karriere des Liedes ist ein Zeuge des großen Vakuums, das Lennon hinterließ. Seine Fähigkeit, Politisches mit Populärem zu verbinden, ist bis heute unübertroffen blieb. Robbie Williams und die Rolling Stones werden ja im kommenden Jahr in Wien gastieren. Britische Landsmänner – aber kann man sich vorstellen, dass sie mehr tun werden, als ihr Ego zu polieren und ihre Bankkonten aufzufüllen? Lennon war reich, und der Vers "Imagine no possessions", gesungen von einem Millionär, war immer die Achillesferse des Songs, und das Hauptziel von Zynikern, die Lennon als Heuchler entlarven wollen. Lennon hat aber selber nie geleugnet, dass er ein Mensch voller Widersprüche war. Er hat sogar in seinem letzten BBC-Interview zugegeben, zu sehr "Macho" gewesen zu sein, um Yoko die Anerkennung zuzugestehen, die sie als Ideengeberin zu diesem Song verdient hätte.

Gerade diese Widersprüche machen ihn für seine Fans auf noch glaubhaftere Weise real. In unserer tiefschwarzen pragmatischen Welt – scheint Lennons und Yokos Idealismus hervor wie die Kerze, die Yoko jeden 8. Dezember in sein Fenster stellt. Diese kleine, einsam flackernde Flamme über dem Central Park, auf die hunderte hingebungsvoller Fans gespannt warten, ist der Höhepunkt der Totenwache, die manche schon um 10 Uhr vormittags beginnen. Dabei scharen sich alle um einen Kreis mit dem Wort "Imagine". Fans aus der ganzen Welt drängen sich um das Mosaik, stellen Kerzen auf, teilen die Wärme ihrer Körper wie Pinguine in der Antarktis. Und zu jeder vollen Stunde wird – nach einem Non-Stop- Medley aus Beatles-Hits – "Imagine" gesungen. Dem Ganzen haftet etwas unleugbar Religiöses an.

Erich Eder, das bei der ÖVP wohl unbeliebteste Mitglied der Grünen, hat den kompletten Liedtext auf seine Website gestellt – als Manifest gegen das Konkordat und für religiöse Toleranz. "Imagine no religion" ist in der Tat der Vers, für den John am meisten geliebt, aber auch verabscheut und missverstanden wird. Am Nachmittag des 8. Dezember vor 25 Jahren, stellte John Lennon in seinem letzten aufgezeichneten Interview seine Position endgültig klar: "Stell dir vor, es gibt keine Religion. Nicht stell dir vor, es gibt keinen Gott. Obwohl, es steht dir zu, auch das zu tun. Stell dir aber vor allem vor, es gibt keine Glaubensgemeinschaften mehr und dass wir Jesus Christus, Mohammed, Krishna, Milarepa gleich verehren, – also kein erzwungenes Entweder-oder mehr, sondern: alles ist erlaubt, das wäre echte Religionsfreiheit, wie ich sie verstehe."

Um ein Uhr nachts räumt die Polizei mit den letzten singenden Fans auf, die sich singend noch um den "Imagine"- Kreis drängen. Die zurückbleibenden Kerzen tragen die Symbole des Kreuzes, des Halbmondes und des Davidsternes. Die meisten jedoch sind frei von Symbolen – leer, aber mit viel Raum, sich John Lennon vorzustellen. (DER STANDARD, Printausgabe, 07.12.2005)

Zur Person

Frederick Baker
, 1965 in Salzburg geboren, arbeitet als freier Regisseur für BBC und ORF und lebt in London.

Tipp

"Imagine"

Filmessay von Frederick Baker über das Lied, das Lennon im Jahr 1971 schrieb und das zur weltweiten Friedens-Hymne wurde
Sondervorstellung im Wiener Filmcasino
Do., 8.12., 13 Uhr
  • Das Klavier, auf dem "Imagine" komponiert wurde, steht heute (echt!) in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.
    foto: epa

    Das Klavier, auf dem "Imagine" komponiert wurde, steht heute (echt!) in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.

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