Yoko Ono im Interview: "Jede Generation entdeckt ihn für sich neu"

6. Dezember 2005, 18:23
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"Give Peace A Chance!" Was heißt das heute? Von der Herausforderung, John Lennons Vermächtnis zu verwalten, erzählt seine Witwe

STANDARD: Wie haben Sie die letzten Stunden mit John Lennon vor seiner Ermordung am Abend des 8. 12. 1980 erlebt?

Yoko Ono: Rückblickend mutet es bizarr an, dass John ausgerechnet an diesem Tag voller Hoffnung war. Unser Album Double Fantasy, das erste nach fünfjähriger Pause, war gerade erschienen, und wir kamen an jenem Abend gerade aus dem Studio, wo wir an dem Song Walking On Thin Ice gearbeitet hatten. Eigentlich wollten wir anschließend noch in der Stadt bleiben, entschieden uns dann aber doch, direkt in unser Appartement im Dakota Building in New York zu fahren. Nachdem ich aus der Limousine ausgestiegen war, hörte ich nur Schüsse und sah, wie John zu Boden fiel. Damit war unsere gemeinsame Zukunft innerhalb von Sekunden ausgelöscht.

STANDARD: Empfinden Sie es als schwere Bürde, sein Vermächtnis zu verwalten?

Ono: Ich bin unendlich großem Druck ausgesetzt, aber andererseits empfinde ich es geradezu als meine Pflicht. Schließlich hielt er zu Lebzeiten auch immer seine schützende Hand über meine Arbeit. Wer sollte ansonsten Johns Erbe verwalten? Schließlich geht es nicht nur um seine Musik, sondern auch um sein gesellschaftliches Anliegen. John war es immer ein Anliegen, auf Ungerechtigkeit und Missstände hinzuweisen. Denken Sie nur daran, für wie viel Aufsehen unsere "Bed- In"-Aktionen in Wien, Amsterdam und Toronto gesorgt haben. Und: Wenn ich heute durch den Central Park gehe, sehe ich viele Männer, die einen Kinderwagen durch den Park schieben. Bevor John das Mitte der Siebziger tat, waren Hausmänner gesellschaftlich geradezu geächtet.

STANDARD: Ist Ihr persönlicher Einsatz für Menschenrechte auch eine Form, mit dem Verlust leben zu können?

Ono: Durch meine Aktionen fühle ich mich John und seinem Geist in der Tat verbunden. Er wäre außer sich vor Wut gewesen, wenn er etwa erlebt hätte, dass der amerikanische Präsident sich vehement gegen die Gleichstellung von Schwulen und Lesben einsetzt, was im Moment leider passiert. Ich setze mich für das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehen ein. Wie kann man eine Liebesbekundung in einer Zeit ablehnen, in der Liebe so rar ist?

STANDARD: Warum ist die Laufzeit des Lennon-Musicals, das erst in diesem Jahr am New Yorker Broadway startete, schon wieder beendet worden?

Ono: Stellen Sie sich vor: Wir haben es mit dem Musical gewagt, für Frieden zu werben! In einem Land, das sich gerade im Krieg befindet, kann ein Musical mit einer solchen Botschaft nicht überleben. Das ist eine traurige Tatsache.

STANDARD: Hat die Botschaft von John Lennon doch an Popularität verloren?

Ono: Keineswegs. Jede neue Generation entdeckt ihn für sich neu. Jetzt haben wir Johns Musik digitalisiert, damit die Internetgeneration Zugriff zu seinem geistigen Erbe hat. John wäre vom Internet begeistert gewesen. Schon in den 70ern hatte er immer die Vision, dass man durch schnellen globalen Informationsaustausch auf Missstände aufmerksam machen kann.

STANDARD: Wie viel unveröffentlichte Musik befindet sich noch in Ihrem Archiv?

Ono: Nicht so viel, dass ich damit eine ganze CD füllen könnte. Deswegen werde ich in Zukunft Johns alte Platten mit unveröffentlichtem Material anreichern.

STANDARD: Welchen John-Lennon-Mythos möchten Sie gerne zerstören?

Ono: Dass John ein gewalttätiger Mensch gewesen sei. Diese ganzen Bücher, die über ihn geschrieben werden, haben immer einen Eifersuchtsaspekt. Da es nun mal nur einen John Lennon gab, beschreiben die ganzen Autoren eher ihre Eifersucht auf ihn als das wahre Leben von John Lennon.

STANDARD: Was werden Sie am Donnerstag machen?

Ono: Ich werde in den Central Park gehen – zu dem Teil, den man "Strawberry Fields" nennt – und warmen Kakao an Menschen verteilen, die sich dort, wie jedes Jahr, im Gedenken an John versammeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 07.12.2005)

Die Künstlerin Yoko Ono im Gespräch mit STANDARD-Mitarbeiter Michael Loesl.
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    Einst einflussreiche Fluxus-Künstlerin, heute eine der reichsten Frauen: Yoko Ono.

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