Jedes Zehnte Kind leidet unter dem "Zappelphilipp"-Syndrom

13. Dezember 2005, 11:12
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Mehr Psychologen für Diagnose und Therapie gefordert - Reizselektions-Störung eine der Hauptursachen

Wien - Die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) ist eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern. Das "Zappelphilipp"-Syndrom bringt zahlreiche Belastungen für die Familien der betroffenen Kinder mit sich. Mit einer individuell angepassten Behandlung lässt sich jedoch weitgehende Symptomfreiheit erreichen. Beate Hartinger vom Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger forderte am Dienstag in einer Aussendung mehr Schulpsychologen zur Früherkennung und Betreuung von ADHS-Kindern bereits im Schulalter.

Kinder, die durch ständige Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit auffallen, leiden meist an der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). ADHS-Betroffene fallen häufig schon im Kindergarten auf und hinterlassen ihre Eltern meist ratlos, da viele nicht wissen, dass es sich dabei um eine eigenständige Störung handelt. Die Krankheit existiert kulturunabhängig, weltweit sind etwa acht bis zwölf Prozent aller Kinder betroffen.

Bis ins Erwachsenenalter

Die Hälfte davon hat auch noch im Erwachsenenalter Symptome, wie eine im Juli 2005 publizierte Studie der Pediatric Psychopharmacology Unit of the Child Psychiatry Service, Massachusetts General Hospital und Harvard Medical School in Boston (USA) ergeben hat. "ADHS ist eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen der Kindheit. In einer Schulklasse sitzen im Schnitt ein bis zwei betroffene Kinder", erklärte der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Wolfgang Kaschnitz, Leiter der Psychosomatischen Ambulanz der Universitätskinderklinik in Graz.

"Interessant dabei ist, dass die Krankheit an sich nicht zunimmt, aber die betroffenen Kinder leiden an immer stärkeren Symptomen als etwa noch vor 20 Jahren. Grund dafür sind gesellschaftliche Einflüsse wie Reizüberflutung durch die Medien oder Eltern, die wenig Zeit für ihr Kind haben und es dadurch früh in die Selbstständigkeit drängen. Ein 'normales' Kind kann relativ gut damit umgehen, ein ADHS-Kind jedoch nicht", so Kaschnitz. "In den letzten Jahren hat sich das Bild der ADHS durch verstärkte Aufklärung deutlich gebessert: Früher wurden die Eltern an den Pranger gestellt, sie wurden bezichtigt, das Kind nicht im Griff zu haben und Erziehungsfehler zu machen. Heute weiß man, dass diese Erkrankung neurobiologische Grundlagen hat", erklärte Kaschnitz.

Reizselektions-Störung

Bei der psychoorganischen Störung ADHS steht eine Reizselektions-Störung im Vordergrund. Die betroffenen Kinder fallen durch Unruhe und Konzentrationsschwierigkeiten auf, meist besteht auch ein verstärkter Bewegungsdrang. Das ADHS-Kind nimmt alles gleichzeitig wahr, ist davon jedoch überfordert und reagiert mit Rückzug oder Aggressivität. Es kann die einzelnen Dinge, die auf es einströmen, nicht differenzieren. Daher sind diese Kinder auch unfallgefährdeter.

Oft sind auch im Erwachsenenalter noch Symptome vorhanden. "70 Prozent der Betroffenen bleiben unbehandelt. Mit einem individuell abgestimmten multimodalen Behandlungskonzept lassen sich jedoch gute Besserungen erzielen", erläuterte die Wiener Psychologin Ingeborg Saval. Dabei ist die Zusammenarbeit mit den Eltern, die durch ADHS meist schwer belastet sind, und den wichtigsten Bezugspersonen wie Geschwistern oder Lehrern von großer Bedeutung. Auch eine intensive Unterstützung von pädagogischer Seite und Unterstützung vom Kinderpsychiater sind für den Erfolg ausschlaggebend. Die Therapie ist vom Alter und den Vorlieben des Betroffenen abhängig und kann von Gesprächstherapie, kreativen Übungen, Aufstellungen mit Figuren bis zu Entspannungstraining gehen. Wesentlich ist auch ein begleitendes Familiencoaching, bei dem die Eltern Strategien erlernen, ihr Kind zu motivieren und es in seiner positiven Entwicklung zu sehen.

Psycholtherapie vor Medikamenten-Behandlung

Die stellvertretende Generaldirektorin des Hauptverbandes, Beate Hartinger, spricht sich dafür aus, dass nach einer Diagnose der Arzt gemeinsam mit dem Psychologen alle Maßnahmen für und mit dem betroffenen Kind und dessen Eltern zu ergreifen hat, damit das Kind ohne medikamentöse Behandlung symptomfrei werden kann. Erst wenn das nicht klappt, sollte an eine medikamentöse Therapie gedacht werden. Hartinger forderte mehr Schulpsychologen zur Früherkennung und Betreuung der Betroffenen: "Diese Kinder leiden an und durch ihre Störung und werden von nur wenigen Personen wirklich verstanden. Daher kann der Einsatz von mehr Schulpsychologen bereits in den Volksschulen bzw. in den Kindergärten gezielt verhindern, dass Unverständnis zu Ausgrenzung führt." (APA)

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