Verletzte bei Protest gegen Hochgeschwindigkeitsbahn bei Turin

7. Dezember 2005, 20:34
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Zwangsräumung eines Protestlagers durch italienische Polizei sorgt für Tumulte

Die italienische Polizei hat am Dienstag ein Zeltlager von Demonstranten geräumt, die seit Anfang November den Bau eines neuen Eisenbahntunnels bei Turin blockierten. Mehrere hundert Polizisten stürmten am frühen Morgen das Lager, rissen Zelte nieder und zerstörten die Barrikaden, die die Umweltschützer errichtet hatten. Mehrere Personen wurden beim Einsatz im Susa-Tal leicht verletzt.

Anwohner und Umweltschützer versuchten mit der Blockade des Tunnelbaus, die Errichtung einer neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Turin und dem französischen Lyon zu verhindern. Die neue Bahnlinie ist ein Eckpfeiler des europäischen Korridors 5, der Kiew mit Lissabon verbinden soll. Der Korridor gilt für die Zukunft der europäischen Verkehrsnetze als ausschlaggebend. Die Umweltaktivisten blockierten die Bahnlinie, die Turin mit der französischen Stadt Modane verbindet. Auch die Autobahn, die zum Grenzübergang vom Frejus führt, sowie mehrere Bundesstraßen wurden blockiert. "Der ganze Susa-Tal demonstriert geschlossen gegen das Monsterprojekt", so der Führer der Umweltaktivisten, Antonio Ferrentino.

Streik gegen Großprojekt

Nach Ansicht der Demonstranten würde die geplante Schnellstrecke die Landschaft zerstören. Zudem könnten bei der Tunnelbohrung gefährliche Materialien wie Asbest und Uran freigesetzt werden. Die Talbewohner hatten bereits am 16. November gegen das Großprojekt gestreikt. Damals hatten sich laut Veranstaltern 80.000 Menschen am Protest beteiligt.

Italiens größter Umweltschutzverband Legambiente wertet den 15 Milliarden Euro teuren Tunnel quer durch radioaktives Gestein mit vielen Wasseradern als "Wahnsinnsprojekt" und schlägt einen Ausbau der bisherigen Bahnlinie vor. Kritik am Projekt der Bahn äußerten aber auch einige Ökonomen. Für diese Kritiker ist das Projekt wegen des Lecks in der Staatskasse und im Blick auf das zu erwartende Verkehrsaufkommen zu kostspielig und weit weniger vordringlich als etwa der günstigere Ausbau der Brenner-Zugverbindung.

Am Bau des umstrittenen Tunnels beteiligt sich auch die Strabag AG. Die österreichische Gesellschaft, die Mitglied eines italienischen Konsortiums mit der Baufirma CMC (Ravenna) ist, soll einen zehn Kilometer langen Erkundungstunnels herstellen, der später als Servicetunnel genutzt wird. Die Arbeiten der Strabag hätten Ende Oktober beginnen sollen. Die Bohrarbeiten konnten jedoch wegen des Protests nicht aufgenommen werden.

Sorge wegen Olympischen Winterspielen

Immer wieder wird die Sorge geäußert, die Demonstranten könnten auch versuchen, die Olympischen Winterspiele (10.-26. Februar) zu stören. Italiens Verkehrsminister, Pietro Lunardi, zeigte sich hart. "Die Demonstranten können sicher sein, dass wir die Bahnlinie errichten werden", meinte Lunardi. "Man kann auf die Hochgeschwindigkeit nicht verzichten, es sei denn Italien, will im Steinzeitalter sitzen bleiben. Jemand will, dass wir aus Europa ausgeschlossen werden", betonte der Minister. Er meinte, die Proteste gegen die Bahnlinie seien politisch von vielen radikalen Linkspolitikern und Umweltschützern instrumentalisiert worden. Für den Präsidenten des Unternehmerverbands "Confindustria", Luca di Montezemolo, ist die Hochgeschwindigkeitsstrecke "absolut unverzichtbar".

Der Eingriff der Polizei gegen die Demonstranten wurde vom italienischen Oppositionschef, Romano Prodi, scharf kritisiert. "Die Zwangsräumung der Demonstranten war ein großer Fehler, die die Gemüter nur noch mehr erhitzt", kommentierte Prodi. Die oppositionellen Grünen riefen Innenminister, Giuseppe Pisanu, auf, im Parlament über den Vorfall zu berichten. (APA)

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