"Nicht einmal ein Kriserl"

7. Dezember 2005, 11:34
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Wiens Grünen-Chefin Maria Vassilakou räumt im Chat jedoch ein: "Glanzvoll ist die Performance nicht gerade"

Die Chefin der Wiener Grünen, Maria Vassilakou, sieht im Chat mit den UserInnen von derStandard.at "nicht einmal ein Kriserl" innerhalb ihrer Partei. Durch die Diskussion unterschiedlicher Standpunkte in der Öffentlichkeit sei noch keine Partei untergegangen und "Vielfalt bedeutet auch Kontroverse". Dennoch räumt sie ein, dass die Performance derzeit "nicht gerade glanzvoll" sei.

Führungsgremium und Basisdemokratie

Über das "ungelegte Ei" des neuen Führungsgremiuns will sich Vassilakou öffentlich nicht äußern. Die Diskussion laufe derzeit auf "allen Ebenen der Partei", wenn diese abgeschlossen ist, soll das Team ohne vorheriges Name-Dropping präsentiert werden. Die Parteichefin präsentiert sich im Chat als glühende Verfechterin der Basisdemokratie, die die Vielfalt bei den Grünen garantiere, die jedoch ein hohes Maß an strukturierter Kommunikation erfordere.

Grundsicherung

Zum Thema Grundsicherung gäbe es derzeit Gespräche mit der Wiener SPÖ, bei denen die praktische Umsetzung ausgelotet wird. Die Grundsicherung soll bei einer möglichen Regierungsbeteiligung auf Bundesebene eine zentrale Forderung sein. Zu möglichen Koalitionen nach der Nationalratswahl meint Vassilakou: "Ich empfinde keine Affinität irgendwohin."

Advent und Strache

"Jössas", entfährt es der gebürtigen Griechin, die einmal im Jahr zu Ostern in die Kirche geht, auf die Frage, ob sie mit Heinz-Christian Strache essen gehen würde. Ein sinnvolles Weihnachtsgeschenk fällt ihr auf Anhieb keines ein. (red)

Das gesamte Chat-Protokoll zur Nachlese:

MODERATOR derStandard.at begrüßt die Chefin der Wiener Grünen, Maria Vassilakou, im Chat. GUTEN MORGEN werte UserInnen! Wir bitten um Fragen.
Maria Vassilakou

foto: derStandard.at/tuerk

Schönen guten Morgen!

fry ich habe in wien grün gewählt. war das eine stimme gegen eine regierungsbeteiligung der grünen auf bundesebene? das würde mich bitter enttäuschen.
Maria Vassilakou wie kommen sie darauf - das schließt nicht einmal die Krone aus
pater hirni wieso ist die frage nach einer allfälligen kentnis von chicks on speed oder diversen computerspielen für zwei 30 (!) und 32 (!)-jährige "jugend"politiker kriterium der politischen qualifikation?
Maria Vassilakou da ging es ja eher um das Wissen um die Alltagsgewohnheiten jüngerer Menschen. Und in der Tat gibt es in der Politik durchaus Bildungslücken auf diesem Gebiet
Maria Vassilakou Ich frage mich übrigens auch was chicks on speed ist
u aha Schönen guten Tag! - Viel Diskussion bei den Grünen. - Ist es ein Kriserl, wie kürzlich im Falter zu lesen war?
Maria Vassilakou Nicht einmal ein Kriserl. Mein Gott es soll schon mal vorkommen, dass unterschiedliche Standpunkte auch in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Daran ist noch keine Partei untergegangen. Schon überhaupt nicht die Grünen.
peterrr schönen guten morgen, guten übermorgen! meine frage: seid ihr glücklich mit der performance, die ihr derzeit in den medien hinlegt? und wenn nein: wie konnte es dazu kommen, dass da jeder/jede schreibt und schreiben lassen, was ihm in den kram passt - und was mit grünen themen eigentlich wenig zu tun hat?
Maria Vassilakou Zugegeben: Glanzvoll ist die Performance nicht gerade. Wiederum hat man uns zuletzt vorgeworfen "fad" geworden zu sein. Vielfalt bedeutet auch Kontroverse
Maria Vassilakou Und die Grünen Themen kommen uns schon nicht abhanden: Energiewende, Armutsbekämpfung und Bildungsoffensive sind die Dinge für die wir in den nächsten Monaten bis zur Nationalratswahl mit ganzer Leidenschaft kämpfen werden.
rafaela wie ist das jetzt mit dem neuen führungsgremium? was wird das sein?
Maria Vassilakou Über ungelegte Eier sollte man nicht öffentlich spekulieren. In diesen Tagen läuft bei uns die Diskussion auf allen Ebenen der Partei, sobald sie abgeschlossen ist werde ich mich selbst an die Öffentlichkeit wenden mit den Ergebnissen.
Maria Vassilakou Klar ist jedenfalls, dass die Grünen stark gewachsen sind: 2 Bezirkvorsteher, 5 BezirkvorsteherstellvertretInnen, 204 BezirkrätInnen, ...16 Abgeordnete. Das alles erfordert bessere Kommunikation und Koordination damit wir handlungfähig bleiben. Darüber zerbrechen wir uns gerade den Kopf.
malfoy warum musste jemand wie sigrid pilz zurücktreten und jemandem unerfahrenen platz im kontrollausschuss machen? zählt polit- und sachkompetenz bei den wr. grünen nicht?
Maria Vassilakou Sigrid Pilz ist nicht zurück getreten - sie wurde einstimmig zum Mitglied des Gesundheits- und Sozialausschusses gewählt. Für den Kontrollausschuss wurde Waltraut Antonov gewählt
Maria Vassilakou Bei Ausschusseintscheidungen gibt es mehrere Kriterien zu berücksichtigen: Erfahrung uns Sachkompetenz, aber auch Nachwuchsförderung
MODERATOR Wird Pilz im Führungsgremium vertreten sein?
Maria Vassilakou Ich kann mich nicht zum derzeitigen Zeitpunkt vereinzelt über mögliche Mitglieder eines Teams, das gerade in Enstehung ist, äußern. Namedropping bringt in solchen Situationen absolut nichts. Das Team wird als Ganzes präsentiert wenn es steht.
rafaela ich hab viele freundInnen, die immer grün gewählt haben. nach den letzten wahlen hieß es aber übereinstimmen: der wahlkampf war völlig ohne inhalte, man wusste nicht, wofür ihr eigentlich steht.
Maria Vassilakou 800 Euro Grundsicherung im Monat als wirksame Massnahme gegen die steigende Armut, Investitionen in neuen sauberen Energietechnologien, Mehrsprachigkeitsangebote in allen Wiener Schulen, mehr Geld für die Universitäten, Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz für jedes Wiener Kind...
Maria Vassilakou Vieles davon haben wir plakatiert und das alles und vieles mehr habe ich in mehr als 500 Interviews und Beiträgen innerhalb von 8 Wochen thematisiert.
Maria Vassilakou Gerade das Thema Grundsicherung hat den Wiener Wahlkampf zuletzt dominiert.
jean-luc eine wahlansage, die bei mir hängengeblieben ist: thema grundsicherung. wie werdet ihr diese forderung nun weitertreiben, was passiert auf dem gebiet?
Maria Vassilakou derzeit gibt es Gespräche mit der SPÖ in Wien mit dem Ziel auszuloten was auf Wiener Landesebene umsetzbar und finanzierbar ist. Also ein Grün-Rotes Projekt möglicherweise.
Maria Vassilakou Klar ist, dass die Grundsicherung eines unserer zentralen Themen für den Nationalratswahlkampf in wenigen Monaten sein wird - und auch ein zentrales Vorhaben der Grünen, sollten wir in die glückliche Lage kommen, zu regieren.
missmut ich empfinde eine affinität der grünen zur övp, das erschreckt mich als linken grünen stammwähler, warum soll ich dann nicht gleich spö wählen wo die doch ein grösseres gewicht in einer koalition mit der övp 2006 hätten
Maria Vassilakou

foto: derStandard.at/tuerk

Ich empfinde keine Affinität irgendwo hin. Die Grünen sind die Grünen! und wir stehen für Veränderung und für konkrete Vorhaben (siehe oben)

Maria Vassilakou

Soll die bleierne Zeit einer großen Koalition eine bessere Alternative sein? Ist Proporz und Doppelbesetzungen aller Posten das, was Österreich jetzt braucht?

Maria Vassilakou Und wer glaubt allen Ernstes, dass ÖVP und SPÖ gemeinsam irgendetwas rückgängig machen würden von den großen Fehlern, die die ÖVP in den letzten Jahren in der Bildungspolitik, am Arbeitsmarkt, in der Sozialpolitik gemacht hat?
Maria Vassilakou Im Gegenteil. Die SPÖ exerziert bereits jetzt aus der Oppositionsbank vor, was zu erwarten ist: Zustimmung bei der Zwangsernährung bei Flüchtlingen, Zustimmung zum Ökostromgesetz (künftig weniger Förderung für Ökuenergie), versanden der Schulreform und Tschüss Gesamtschule...
Wednesday michael häupl wurde in der weltbürgermeisterwahl auf platz 6 gewählt. hat er diesen platz ihrer meinung nach verdient?
Maria Vassilakou Wow! Sowas gibts auch?!
Maria Vassilakou Jedenfalls hat die Athener Bürgermeisterin Platz 1 erreicht. Ätsch!
Maria Vassilakou Spaß beiseite. Wien funktioniert, was ja auch angesichts eines Milliardenbudgets eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Den Drang zur Innovation und zu Pionierleistungen habe ich bei unserem Bürgermeister noch nicht feststellen können.
danieln Sie haben sich vor einiger Zeit im STANDARD-Streitgespräch mit ÖVP-Hahn darüber gestritten, wer die bürgerlichere Partei ist, bzw wer das bürgerliche WählerInnenpotenzial besser anspricht oder vertritt, glauben Sie, teilen die vielen linken Jugendlichen (auch ihre Parteijugend) ihr streben zur bürgerlichkeit?
Maria Vassilakou Irrtum, Herr Hahn streitet ständig darüber, wer der bürgerlichere ist. Ich kann mit dem Begriff herzlich wenig anfangen, außer, dass man sich brav die Zähne putzt und mit Messer und Gabel isst. Eine politische Kategorie ist es für mich nicht.
Maria Vassilakou Soll mir doch bitte einer erklären, was eine bürgerliche Verkehrspolitik ist...
Maria Vassilakou spannender finde ich die Frage, was "linke Politik" im 21. Jahrhundert ist: neue soziale Absicherungsmodelle, Selbstbestimmung und BürgerInnenmitbestimmung, Vielfalt und rechtliche Gleichstellung unterschiedlichster Lebensweisen...
MODERATOR UserInnenfrage per Mail: Wie fühlen Sie sich dabei, wenn Sie dem Pegasus Basisdemokratie, welches Sie bei den Grünen nach oben getragen hat, kaum dass Sie oben sind, die Kugel geben wollen?
Maria Vassilakou Im Gegenteil. Einmal mehr muss auch ich betonen, dass Basisdemokratie geradezu die Garantie für Erneuerung und Pionierleistungen in einer Partei ist. Ich selbst wurde - damals eine Sensation- als erste Migrantin in der Geschichte Österreichs in ein Mandat gewählt. Mit Marco Schreuder brachten wir soeben den ersten offen schwulen Mann in den Wiener Landtag.
Maria Vassilakou In meinen Augen ist Basisdemokratie die Garantie für jene Vielfalt die die Grünen ausmacht. Aber sie erfordert ein hohes Maß an strukturierter Kommunikation und Koordination, und daran muss man ständig arbeiten, bzw. uns ständig weiter entwickeln.
Maria Vassilakou Denn mehr als 500 Menschen laufend informieren, einbinden, möglichst breit mitbestimmen lassen ist nicht nur Aufwand, sondern manchmal eine hohe Kunst.
frau sonne mich würde interessieren, was sie zur jugendarbeit (-bzw. losigkeit) zu sagen haben. mit der grundsicherung kann es da ja nicht getan sein. bin grüne stammwählerin und das wird sich auch nicht ändern, aber mir kommen die argumente der grünen praktisch gesehen in den letzten jahren schon immer wieder ein bisschen dünn vor.
Maria Vassilakou Zunächst Schaffung von Akademien, in denen Lehrabschlüsse auch ohne Anbindung an eine Lehrstelle erzielt werden können. Ansonsten Ausbildungsangebote denn vielfach ist Jugendarbeitslosigkeit auch das Ergebnis eines Verfrühten Austeigens aus dem Bildungsprozess.
Maria Vassilakou Mehr junge Menschen ermutigen und ermöglichen zu studieren und Investitionen z.B. in der Umwelttechnologiebranche sind nur ein paar Beispiele.
quassel tante eva glawischnig benützt ihre schwangerschaft als 'trägerrakete' um politische botschaften und sich selbst in die schlagzeilen zu bringen. wie lässt sich das mit der 'linken politik' einer grünen partei vereinbaren? oder sehen sie mutterschaft als politische kategorie?
Maria Vassilakou Auch "linke Politik" braucht neben Inhalten auch etwas Inszenierung, sonst wird uns allen miteinander fad.
Christian 86 würden Sie eine Einladung vom HC zu einem feinen Abendessen inkl. tiefgründigen Gesprächen annehmen?
Maria Vassilakou

foto: derStandard.at/tuerk

Jössas!

das innere Kind Ich fände ja schwarz-grün spannender als rot-grün. Zu welchen Kompromissen wären Sie im Fall einer Regierungsbeteiligung bereit, bzw. wo gibts auf keinen Fall welche?
Maria Vassilakou Warum soll ich in Gottes Namen über Kompromisse sprechen? Ich spreche lieber über unsere Vorhaben!
PALS Guten Morgen, Frau Vassilakou, guten Morgen alle anderen ;-) - Frau Vassilakou, wie wollen die Wiener Grünen der wieder erstarkten FPÖ mit ihrem ausländerfeindlichen Programm entgegentreten? Welche Lösungsansätze gibt es für das Reizthema Zuwanderung/Integration? Denn das wird in Wien ja jetzt wohl behandelt werden müssen, nachdem so viele Wähler (vermutlich aus Unwissenheit/Angst) der FPÖ ihre Stimme gegeben haben...
Maria Vassilakou Armutsbekämpfung und ein Programm zur Schaffung von Arbeitsplätzen und Perspektiven, denn gerade Perspektivenlosigkeit treibt viele Menschen in die Arme der FPÖ-Propaganda.
Maria Vassilakou Vor allem in den Schulen brauchen wir massive Investitionen und Modernisierungen, denn wenn schon eines von drei Kindern in Wiens Volksschulen eine andere Muttersprache hat als Deutsch, dann sollten wir endlich handeln.
peba in der diskussion über die neue führungsstruktur der wr. grünen haben sie vor kurzem gesagt "es gibt nur eine chefin". mich würde interessieren, was sie als ihre stärken und was als ihre schwächen sehen.
Maria Vassilakou Meine Stärken liegen wohl darin, dass ich versuche Menschen zu erreichen und zu überzeugen, denn gerade die Grünen kann man nur "führen" wenn man es auch schafft, sie von etwas zu überzeugen. Alles andere kann man vergessen, denn wir sind definitiv keine Führerinnenpartei.
Maria Vassilakou Meine Schwäche ist dass ich manchmal wohl etwas cholerisch reagiere.
lametta nikolo oder krampus, was wären sie lieber?
Maria Vassilakou na sicher der Krampus. Der hat mehr Ecken und Kanten.
MODERATOR Auf Grund der vielen Fragen und des miesen Wetters verlängern wir um fünf Minuten.
montgomery Wieso bin ich als Radfahrer in Wien immer noch Mensch zweiter Klasse, und was kann eine Regierungsbeteiligung der Grünen dagegen ausrichten ?
Maria Vassilakou z.B. die Schaffung des Wiental-Highways und die Vervollständigung des Radwegenetzes.
frau sonne hier nochmals meine frage nach der jugendarbeit: sie kommt irgendwie nie wirklich vor, obwohl sie gerade bei der "integration" eine wichtige rolle spielt, gerade auch in der diskussion um Schule/Muttersprache: wie sehen ihre vorstellungen hier genau aus- budget etc. siehe "echo"...
Maria Vassilakou Es war ein Fehler der SPÖ, den "echo" die Subvention zu streichen. Grundsätzlich funktioniert die mobile Jugendbetreuung gut, dank der engagierten JugendarbeiterInnen. Was wir jetzt brauchen ist Schulsozialarbeit und mehr selbstverwaltete Räume für Jugendliche in den Gretzln vor allem in den Aussenbezirken.
danieln welches verhältnis haben sie/die grünen zu religion und kirche?
Maria Vassilakou Ich selbst ein ungezwungenes: typisch agnostisch und einmal jährlich zu Ostern in die Kirche, so wie alle Griechen halt. Bei den Grünen ist es unterschiedlich. Nicht zuletzt auch wegen vieler engagierten Christen, die bei den Grünen ihre Heimat gefunden haben. Oberstes Gebot ist aber die Trennung von Staat und Religion.
Maria Vassilakou Der Glaube ist Privatsache und hat in der Politik nicht s verloren.
SantaX Bitte Ihren Tip für ein sinnvolles Weihnachtsgeschenk- worüber würden Sie sich freuen?
Maria Vassilakou Oje! Nach längerer Pause muss ich passen, mir fällt echt nichts Sinnvolles ein.
MODERATOR Das wars. Wir bedanken uns bei Frau Vassilakou und den UserInnen. Trotz Verlängerung konnten leider nicht alle Fragen beantwortet werden. Auf Wiederchatten.
Maria Vassilakou Auf Wiedersehen und frohe Weihnachten.
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