Verhungerte 17-Jährige: Ärzte als Zeugen bei Prozess in Steyr

6. Dezember 2005, 20:34
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Medizinerin: Gefahr für Kinder der Angeklagten nicht auszuschließen - Urteil für Nachmittag erwartet

Am zweiten Tag des Prozesses gegen eine Frau, deren 17-jährige Tochter im Vorjahr in Oberösterreich verhungerte, haben mehrere Ärzte im Landesgericht Steyr als Zeugen ausgesagt. Während für die Mitpatienten der 49-Jährigen keine Gefahr bestehe, könne man dies für die Kinder der Angeklagten, die sie in der Nervenheilanstalt besuchen, nicht ausschließen, betonte eine Medizinerin am Dienstag. Sie behandelt die Frau seit eineinhalb Jahren.

Der Wahn der Beschuldigten, der auf einer subjektiven Überzeugung basiere, sei mit einer medikamentösen Therapie "schlecht bis gar nicht" behandelbar, erklärte die Ärztin. Von ihren unveränderten Vorstellungen hinsichtlich Religion und Ernährung abgesehen verhalte sich die Frau aber unauffällig.

Nur noch 30 Kilo

Zwei weitere Medizinerinnen gaben vor Gericht an, dass sie Ende 2003 bzw. Anfang 2004 die zuständige Bezirkshauptmannschaft informiert hätten, dass das Mädchen unbedingt stationär behandelt und die Familie psychologisch betreut werden müsse. Eine der beiden Ärztinnen verglich das damalige Aussehen der 17-Jährigen mit dem eines KZ-Opfers. Ein psychiatrischer Sachverständiger gab in der Verhandlung zu bedenken, dass 20 Prozent der Magersüchtigen trotz Behandlung sterben würden.

Die Schülerin war im vergangen Jahr tot in ihrem Bett aufgefunden worden. Sie hatte bei einer Körpergröße von 1,64 Metern nur mehr rund 30 Kilo gewogen und dürfte zwischen 22. und 23. Mai an den Folgen von Nahrungsmangel gestorben sein. Gutachten ergaben, dass die Mutter zum Tatzeitpunkt - als das Mädchen verhungerte - nicht zurechnungsfähig gewesen sei.

Vorsätzlich oder fahrlässig

Die Frau war bereits im April einstimmig wegen Mordes durch Unterlassung schuldig gesprochen worden. Der Oberste Gerichtshof hatte das Urteil wegen eines Formfehlers aber aufgehoben. In der neuerlichen Verhandlung müssen die Geschworenen nun entscheiden, ob die Frau vorsätzlich oder fahrlässig gehandelt hat. Ein Urteil wird für Dienstagnachmittag erwartet. (APA)

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