Rumänien als Prüfstein für die Erste

14. Dezember 2005, 15:47
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Der Kauf der Großbank BCR ist der Erste Bank bis zu drei Milliarden Euro wert - Das Spitzeninstitut der Sparkassen könnte sich damit ein Drittel des rumänischen Marktes kaufen - Analyse von Renate Graber

Wien - Absolute Hochspannung in der Erste Bank: Noch vor Weihnachten entscheidet sich, ob das Spitzeninstitut des Sparkassensektors den Zuschlag für den Kauf der größten rumänischen Bank, der Banca Comerciala Romana (BCR), bekommt. Die Regierung in Bukarest verkauft jene 61,8 Prozent, die im Eigentum des Staates und der Entwicklungsbanken EBRD und IFC stehen. Neben der Ersten ist die portugiesische Banco Comercial Portugues im Rennen.

Gewinnen wird, wer am meisten auf den Tisch legt. Allerdings dürften die Wiener in Rumänien auch imagemäßig einen Stein im Brett haben: Es waren Österreicher, die dem Land im Jahr 2000 aus der Bankenkrise geholfen haben, und die Erste hat langjährige Erfahrungen im Osten und bereits 12,5 Mio. Kunden.

Die Portugiesen sind erst in Polen, Griechenland und der Türkei, daheim raufen sie mit Aktienkursrückgängen und Altlasten aus dem bankeigenen Pensionssystem.

Die Erste Bank unter Andreas Treichl bietet dem Vernehmen nach die Kleinigkeit von 3,2 Mrd. Euro (in altem Geld: 45 Mrd. Schilling) - womit der Deal der größte je getätigte im Ausland wäre. Die BCR würde damit etwa das Sechsfache ihres Buchwertes kosten - auch das ein Novum. "Luxus" nennt das die Konkurrenz, den "gerechtfertigten Preis für die logische Erweiterung unseres Netzwerkes im Osten" ein Erste-Banker.

Tatsächlich ist der Kauf der BCR die letzte Chance für die Wiener, in Rumänien zur Konkurrenz (BA-CA, Raiffeisen oder Volksbanken) aufzuschließen. Laut der Berater von Roland Berger besitzen westliche Banken bereits 60 Prozent des Marktes - die Erste könnte sich mit der BCR auf einen Schlag 26,8 Prozent Marktanteil und vier Millionen Kunden einverleiben.

Zu spät käme sie nicht: Noch gilt das Land als "under-banked", bis 2010 soll sich die Zahl der Kunden verdoppeln. Der Nachholbedarf ist groß, bei Sparbüchern wie bei Krediten, nur ein Viertel der 22 Mio. Einwohner hat ein Bankkonto, Analysten erwarten einen "Bankenboom".

Da will Treichl mitnaschen - zumal er die beeindruckende Wachstumsstory für den Kapitalmarkt fortschreiben muss: Seit 1997 hat die Erste neun große Banken in Osteuropa gekauft. Zuletzt hatte Treichl aber Pech: In der Ukraine hat ihm sein Erzkonkurrent, Herbert Stepic von Raiffeisen International, die Bank Aval weggeschnappt (siehe Bericht unten). Und die zum Verkauf stehende ukrainische Ukrsibbank wird an die französische BNP Paribas gehen.

Eine Niederlage bei der BCR brächte Treichl und Stepic, die das Expansionsrad für ihre Börsenstory - und wohl auch für ihr Ego - in Schwung halten müssen, wieder an einen Spieltisch. Denn Rumänien verkauft auch die Sparkasse CEC (nur sechs Prozent Marktanteil, aber 1400 Filialen) - und beide sind im Rennen.

Für Spannung ist gesorgt: Sackt die Erste die BCR ein, wird sie sich im Frühjahr frisches Geld von der Börse holen; die Schätzungen reichen von einer bis drei Mrd. Euro. Gelingt der BCR-Deal nicht, beteuert Treichl, seine Nettogewinne trotzdem um 15 Prozent pro Jahr steigern zu können. Wer Treichl aber auch nur ein bisschen kennt, weiß: Der Wachstumhunger wird anderswo gestillt - und sei es in Russland, das ohnehin immer mehr in den Fokus des Bankers gerät. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 06.12.2005)

  • Der Vorstandschef der Erste Bank, Andreas Treichl, hat ein gutes Blatt im Osten - solange er nur weiterspielt und die Expansion des Instituts vorantreibt. Nächster Prüfstein: der Einstieg in Rumänien.
    foto: der standard/andy urban

    Der Vorstandschef der Erste Bank, Andreas Treichl, hat ein gutes Blatt im Osten - solange er nur weiterspielt und die Expansion des Instituts vorantreibt. Nächster Prüfstein: der Einstieg in Rumänien.

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