Frankreich und seine Kolonien: Rechtsruck der Erinnerung

12. Dezember 2005, 13:42
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Erst "distanziert" sich die Regierung von Napoleon, jetzt verlangt sie per Gesetz die "Würdigung" des Kolonialismus - Ein Kommentar der anderen von Philipp Blom

Es war vielleicht vorhersehbar, aber die Krassheit ist dennoch überraschend: Nach dem 11. September 2001, den Anschlägen in Madrid und London und dem Mord an Theo van Gogh, allesamt verübt von jungen Männern, die aus den muslimischen ehemaligen Kolonien Europas kommen, regt sich der Revisionismus. War der Kolonialismus wirklich so schlecht? Hat man nicht die Segnungen der Zivilisation in primitive Länder gebracht und Straßen, Spitäler und Schulen hinterlassen, ganz zu schweigen von Demokratie? Sollten die Bürger dieser Länder nicht dankbar sein?

Aufschrei der Intellektuellen

Ein Rechtsruck geht durch die europäische Erinnerung, nirgendwo deutlicher als in Frankreich, das vergangene Woche in zweiter Lesung ein erstaunliches Gesetz bestätigte, die "loi du 23 février 2005", das die Dankbarkeit des französischen Volkes gegenüber den (weißen) Franzosen in den Kolonien ausdrückt (auch Dankbarkeit und Erinnerung, so scheint es, lassen sich dekretieren). Artikel 4 besagt: "Unterrichtsprogramme erkennen besonders die positive Rolle der französischen Präsenz in Übersee, speziell in Nordafrika, an und geben den Opfern der kämpfenden Truppen der französischen Armee aus diesen Territorien den wichtigen Platz, der ihnen gebührt."

Noch selten hat ein so kurzer Absatz unter französischen Intellektuellen für einen solchen Aufschrei gesorgt. Nordafrika, das ist auch und besonders Algerien, und ein schamvoller, blutiger Krieg, den Frankreich 1954 bis 1962 gegen die algerische Unabhängigkeitsbewegung kämpfte. Die Zahl der algerischen Opfer (die meisten von ihnen Zivilisten) ist noch immer ungewiss, seriöse Schätzungen liegen zwischen 400.000 und einer Million.

Was diesen noch immer in Frankreich kaum aufgearbeiteten Krieg aber besonders belastet, ist der Schatten von zehntausendfacher Folter und Vergewaltigung vonseiten der französischen Armee und die Tatsache, dass nach der Unabhängigkeit viele der algerischen Soldaten der französischen Armee einfach ihrem Schicksal und der Rache ihrer Mitbürger überlassen wurden, während viele weiße Algerier (die oft seit Generationen dort gelebt hatten) nach Frankreich geholt wurden. Ein Erbe von ungeheurer Bitterkeit, dem sich Frankreich noch immer nicht voll gestellt hat. Auch die Unruhen in den Vorstädten von Paris, Marseilles und anderen großen Städten standen unter diesem Vorzeichen. Die französische Staatsgewalt ist hier noch nie ein Freund gewesen.

Proteste gegen dieses Gesetz kommen besonders von Historikern wie dem selbst von Rückkehrern abstammenden Claude Liauzu, der es als ein "Gesetz gegen die Geschichte" bezeichnet. "Algerien ist unser Vietnam," fasst er zusammen, "unsere letzte große Niederlage. Der Algerienkrieg wird so auf anderer Ebene weitergeführt. Es ist reiner Revanchismus und in Frankreich sieht man momentan eine Entwicklung hin zur Abschottung, zur Intoleranz und zur Fremdenfeindlichkeit. Es ist schrecklich, dass das möglich ist, und dass jetzt auch die Inhalte schulischer Lehrpläne legislativ kontrolliert und pervertiert werden."

Der Tenor des Gesetzes erscheint beinahe wie ein zynischer Witz: "Natürlich haben wir die Algerier mit Elektroschocks gefoltert, aber zumindest hatten wir ihnen den Strom installiert." Wie kommt es also dazu, dass die Regierung Chirac, dessen Partei den Gesetzentwurf eingebracht hatte, jetzt die Lehrer staatlicher Schulen anweist, die "positiven Seiten" der Kolonialherrschaft anzuerkennen und die Soldaten, unter ihnen die Folterknechte, zu würdigen?

Das Gesetz wurde am rechten Rand der französischen UMP-Partei vorbereitet und hat seinen Ursprung in einer Initiative der rechtsgerichteten Rückkehrer-Organisationen, die ihrer ehemaligen algerischen Heimat noch immer nachtrauern. Gerade im Süden Frankreichs stellen diese Rückkehrer ein erhebliches Wählerpotenzial dar, das so ausgeschöpft werden soll.

Der sonst für seine robuste Rhetorik bekannte Innenminister Nicolas Sarkozy ist bei der Debatte um das Gesetz durch Zurückhaltung aufgefallen. In zwei Jahren wird Sarkozy, selbst Sohn eines Immigranten aus Ungarn, sich um das Amt des Präsidenten der Republik bewerben und es scheint klar, dass seine Kampagne auch und besonders die Ängste der Wähler ausbeuten wird, die während der letzten Präsidentschaftswahl Jean-Marie Le Pen in einem Schockergebnis in die zweite Runde brachten. Wenn dieses Gesetz also einerseits potenzielle Wähler gewinnt und andererseits eine noch stärkere Entfremdung der Immigranten provoziert und damit ein Klima der Unsicherheit schafft, so kann das Sarkozy nur recht sein. Er muss sich also in der momentanen Kontroverse nicht exponieren.

Revisionismus als europäischer Trend Das französische Gesetz des 23. Februar ist nur ein Beispiel für den historischen Revisionismus, der in ganz Europa um sich greift. Der britische Finanzminister Gordon Brown meint, sein Land solle stolz sein auf seine imperiale Vergangenheit, eine These die auch von dem Bestseller Empire - How Britain Made the Modern World des bekannten Historikers Niall Ferguson unterstützt wird. In Deutschland gibt es bald ein Zentrum für die deutschen Vertriebenen, für das sich Angela Merkel persönlich sehr eingesetzt hat, auch wenn es das Verhältnis mit Polen nachhaltig belastet. Die Festung Europa errichtet nicht nur Zäune und Überwachungskameras, sondern zementiert auch ein ideologisches Fundament.

Manches davon ist eine Reaktion auf das dogmatische Mea Culpa der 68er-Generation, die der Geschichte ihr eigenes, simplistisches Täter-Opfer-Schema überstülpte. Der aggressive historische Revisionismus der französischen Regierung aber geht weit darüber hinaus, diese Situation auszugleichen.

Die französische Präsenz in Algerien (wo schon bei der Landnahme der Franzosen nach 1830 ein Sechstel der Bevölkerung ermordet wurde) als durchgehend positiv zu bewerten, spricht den historischen Realitäten Hohn. Während die Historiker aber protestieren und Petitionen einreichen, bleibt das Gesetz in Kraft. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.12.2005)

Zur Person: Der in Hamburg geborene Essayist Philipp Blom lebt in Paris; zuletzt erschien in Enzensbergers "Anderer Bibliothek" sein Buch über die französischen Enzyklopädisten "Das vernünftige Ungeheuer".

Nachlese: Napoleon wird zur Unperson

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