Die Sucht nach dem Maximum des Möglichen

12. Dezember 2005, 13:50
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Wagte die erste Gesichtsverpflanzung: der Politiker und Arzt Jean-Michel Dubernard ist Kopf des Tages

In Paris kennt man Jean- Michel Dubernard als rechten Parlamentsabgeordneten der UMP für die Region Rhone-Alpes. Zuletzt trat er bei den Unruhen für rasches und schlagkräftiges Handeln ein, Pariser Vorstädte dürften nicht randalierenden Jugendlichen überlassen werden.

In seiner Geburts- und Heimatstadt Lyon kennt man Jean-Michel Dubernard als Finanzstadtrat und verhinderten Bürgermeister. Nachdem Dubernard die Neogaullistische Partei RPR verlassen hatte, versuchte er mit einer gemeinsamen Liste mit dem Rechtskonservativen Charles Millon, der sich auf ein Bündnis mit den Neofaschisten eingelassen hatte, das höchste Amt der Stadt zu erlangen. Er scheiterte, reüssierte jedoch in der Stadtregierung.

In der Wissenschaft ist Dubernard als derjenige Mediziner bekannt, der 1976 die erste Pankreastransplantation in Europa durchführte, 1998 die weltweit erste Handtransplantation und 2000 die erste doppelte Handverpflanzung - und seit einer Woche als der Mann, der erstmals die Transplantation von großen Teilen eines Gesichts gewagt hat.

Den entscheidenden Charakterzug, der den 64-Jährigen antreibt, beide Karriereleitern parallel zu erklimmen, beschreibt der Spitzname, unter dem Dubernard bei seinen Freunden bekannt ist: "Max" - als Synonym für einen, der stets nach dem Maximum strebt. "Seit ich klein war, wollte ich immer an das Maximum meiner Möglichkeiten gehen", erklärt der Politiker und Mediziner, der sich nach dem Studium in Lyon an der Harvard Medical School zunächst auf Urologie spezialisierte - ja, genau: Der Chirurg denkt auch an die erste Geschlechtstransplantation, sobald dies medizin-technisch möglich wird. Allein - der Erste müsse er schon sein.

Die Sucht, als Erster eine medizinische Leistung zu erbringen, hat ihm schon bei der Handtransplantation massenweise Kritik eingebracht. Die Zeit sei noch nicht reif dafür, hieß es damals in Fachkreisen. Tatsächlich, die Hand musste dem neuseeländischen Empfänger Clint Hallam nach zwei Jahren wieder amputiert werden - er nahm seine Medikamente zu unregelmäßig, das Gewebe wurde abgestoßen. Dubernard empfand dies als "Niederlage", fühlte sich von seinem Patienten "ausgenutzt". Ein Wort des Mitleids kam ihm nicht über seine Lippen. Und was, wenn nun das erstmals transplantierte Gesicht abgestoßen wird?

Es sei die Entscheidung der Frau gewesen, argumentiert Dubernard, außerdem habe der Nationale Ethikrat grünes Licht gegeben. Mehr will er dazu nicht sagen, für ihn steht der medizinische Fortschritt, auch im aktuellen Fall, an oberster Stelle. Und er hat ein medizinisches Erbe zu bewahren: Sein Vater war Landarzt, sein Mutter Pharmazeutin, sein Bruder ist Chirurg, und auch sein Sohn ist Mediziner. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 12. 2005)

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