Transplantation: Leben mit dem Gesicht einer Selbstmörderin

9. Dezember 2005, 08:32
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Die erste großflächige Transplantation von Gesichtsteilen in Frankreich sorgt für ethischen Wirbel - Mit Kopf des Tages

Aufruhr gibt es nicht nur, weil der Eingriff umstritten ist, sondern weil das Gewebe von einer Frau stammt, die sich angeblich erhängt hat.


Lyon/Wien - Kann man ein Gesicht, zumindest Teile davon, einfach so verpflanzen wie Nieren, Herzen oder Arme? Wie geht die Spenderin mit ihrem neuen Antlitz um, wie werden Freunde, Verwandte und Familie damit fertig?

Gleich nach Bekanntwerden des weltweit ersten derartigen Eingriffs in Frankreich wurden ethische und psychologische Fragen zu dieser Transplantation gestellt. Wie berichtet, erhielt die 38-jährige Isabelle Dinoire aus Valenciennes in einer mehrstündigen Operation am 27. November an der Uniklinik in Amiens ein Nase, Lippen und Kinn umfassendes Spendergewebe, das kurz zuvor einer hirntoten Frau aus dem Gesicht geschnitten wurde.

Die bisherigen ethischen Debatten zu diesem Eingriff dürften in den nächsten Tagen an Brisanz gewinnen: Laut deutschen Medienberichten soll es sich bei der Spenderin nämlich um eine Frau handeln, die sich selbst erhängt hat - was, so dies stimmt - einen zusätzlichen Streit über die Zulässigkeit des Spendergewebes auslösen dürfte.

Keine Stellungnahme

Der Leiter des behandelnden Ärzteteams, Transplantationsexperte Jean-Michel Dubernard vom Edouard Herriot Hospital in Lyon, wollte dazu bisher keine Stellung beziehen. Nur so viel ließ er wissen: Natürlich habe er vor der Operation ethische Bedenken gehabt, doch als er das von einem Hund zerbissene Gesicht seiner Patientin gesehen habe, sei für ihn die Entscheidung klar gewesen. Der Frau gehe es heute gut, sie sei vom Ergebnis "entzückt". Die Patientin gefalle sich sogar besser als vor ihren entstellenden Bisswunden. "Das sollte alle Ethikdiskussionen beenden", sagte Dubernard. Freilich - mögliche Abstoßungsreaktionen könnten nicht ausgeschlossen werden. Doch gehe alles so gut wie bisher, könne Dinoire das Spital in den nächsten sechs Wochen verlassen.

Medizin-technisch gesehen stellte die Transplantation das Ärzteteam vor schwierigere Aufgaben als etwa die Verpflanzung von Unterarmen: Die Spendergesichtsteile mussten mit Muskulatur, Blutgefäßen und Nerven so an das verbliebene Untergrundgewebe der Patientin angeschlossen werden, dass die vielen Gesichtsmuskeln auch einwandfrei funktionieren, sonst bleiben Lähmungen (mangelnde Mimik oder Lippenfunktion etc.) zurück.

Risiko reduzieren

Um das Risiko einer Abstoßung zu reduzieren, hat die Frau auch Knochenmark der Spenderin erhalten, muss jedoch zusätzlich ihr ganzes restliches Leben immunsupprimierende Medikamente schlucken, was wiederum das Risiko für Infektionskrankheiten und Tumore erhöht. Was aber, wenn ihr neues Gesicht doch abgestoßen wird? Einen transplantierten Unterarm kann man durch eine Prothese ersetzen - ein Gesicht nicht.

Dies wird auch von zahlreichen Ärzten und Ethikkommissionen in ihrer Kritik vorgebracht. Dubernard hingegen verweist auf Patientinnenwillen und das Einverständnis des Nationalen Ethikrates. (DER STANDARD-Printausgabe 06.12.2005)

Andreas Feiertag

Kopf des Tages:
Transplantationsexperte Jean-Michel Dubernard

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    Das von den behandelnden Ärzten angefertigte Modell des verpflanzten Gesichtsteils. Angeblich stammt das "gespendete" Gewebe von einer Selbst- mörderin.

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