Vergessene Katastrophen

14. Dezember 2005, 09:29
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Nach dem Tsunami hatte Ärzte ohne Grenzen mehr Spendengelder als in der Krisenzone benötigt - Durch Umwidmung konnte die Organisation auch in anderen Regionen helfen

Wien - Die schockierenden Bilder der Tsunamikatastrophe in Südostasien lösten Anfang 2005 auch in Österreich spontane Spendenaktionen aus. Bei Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen (MSF) gingen Millionen von Spenden ein.

Doch die große Hilfsbereitschaft (weltweit allein bei MSF über 110 Millionen Euro, davon 1,7 aus Österreich) führte zu einem bizarren Problem: Die Hilfsorganisation hatte plötzlich mehr Geld, als sie sinnvoll im Tsunami-Gebiet einsetzen konnte. Gleichzeitig drohten andere Katastrophen aus dem öffentlichen Bewusstsein gedrängt zu werden, so dass Spenden für diese Krisengebiete ausbleiben könnten.

Dieser Umstand veranlasste MSF zu einer bis dato ungekannten Aktion: Alle Österreicher, die für die Seebebenopfer gespendet hatten, wurden gefragt, ob ihre Spenden auch für andere Hilfsaktionen verwendet werden könnten. Die Aktion sei nötig gewesen, weil Spendengelder, die explizit den Tsunamiopfern gewidmet waren, nicht einfach in andere Hilfsprojekte umgeschichtet werden könnten, erklärte MSF-Österreich Geschäftsführer Franz Neunteufl gestern auf einer Pressekonferenz in Wien. Dies erfordere die Einwilligung der Spender.

Hilfsgelder ungenutzt

Das Problem der ungenutzten Spenden und Finanzhilfen betrifft nicht nur Ärzte ohne Grenzen. Wie die japanische Zeitung Asahi Shimbun berichtete, sind fast 70 Prozent der massiven japanischen Finanzhilfen bisher ungenutzt geblieben. Die japanische Regierung hatte umgerechnet rund 170 Millionen Euro für die vom Tsunami betroffenen Regionen bereitgestellt. Bei der britischen Hilfsorganisation Oxfam gingen so viele Spenden für die Seebebenopfer ein, dass es noch bis 2008 dauern wird, bis die 238 Millionen Euro für Hilfsmaßnahmen ausgegeben werden können.

Tsunami alle 10 Tage Stefan Pleger, Cheflogistiker von Ärzte ohne Grenzen, kennt die Kehrseite der großen internationalen Anteilnahme an der Tsunamikatastrophe. MSF sei bei der Hungersnot im Niger und beim Bürgerkrieg im Sudan praktisch die einzige aktive Hilfsorganisation gewesen. Andere Organisationen hätten nach dem Spendenmarathon rund um den Tsunami schlicht keine freien Mittel mehr gehabt.

Dabei sei es wichtig, gerade dort zu helfen, wo die Not im Moment am größten ist. "Nur die Hungertoten genommen, haben wir alle zehn Tage einen Tsunami", sagt Pleger.

Die österreichischen Spender reagierten laut MSF-Österreich mit großer Bereitschaft auf den Vorschlag. die Spenden umzuwidmen. Rund eine Viertelmillion der hiesigen Spenden floss in Projekte im Tsunamigebiet - der Rest der 1,7 Millionen Euro in Hilfsaktionen in Afrika und Pakistan. (APA, AP, ran, DER STANDARD-Printausgabe 06.12.2005)

  • Nur einen kleinen Teil der Tsunami-Spenden konnten Stefan Pleger und seine Mitstreiter von Ärzte ohne Grenzen auch sinnvoll in den betroffenen Gebieten einsetzen
    foto: msf

    Nur einen kleinen Teil der Tsunami-Spenden konnten Stefan Pleger und seine Mitstreiter von Ärzte ohne Grenzen auch sinnvoll in den betroffenen Gebieten einsetzen

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