"Integration ist, wenn man Zukunft hat"

6. Juni 2006, 11:11
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Intoleranz werde von außen in die Schule "hineingetragen", waren sich die Experten beim Standard-Schülertalk einig

"Die österreichische Gesellschaft integriert nicht, sie assimiliert", kritisiert Walter Posch, SPÖ-Nationalratsabgeordneter und Menschenrechtssprecher, die herrschende Integrationspolitik. Im Scheinwerferlicht des Dschungel Wien diskutierten letzten Donnerstag fünf Experten den "Schmelztiegel Klassenzimmer: Kulturschock in der Schule?".

Zum Wortgefecht geladen waren neben Posch, Kinder-und Jugendanwalt Anton Schmid, Yunus Stoiber, 15-jähriger Schüler mit türkischen Wurzeln, Friedrich Weinhofer, Direktor des Gymnasiums Henriettenplatz im 15. Bezirk sowie ÖVP-Abgeordnete Silvia Fuhrmann.

Lehrer seien heute pädagogisch überfordert, bemängelt Fuhrmann und hört bei "40 Prozent nicht Deutsch sprechenden Wiener Volksschulkindern" die "Alarmglocken läuten". Erschreckend findet sie auch, dass viele Jugendliche die Schule "nur als Wärmestube" nützen. Posch kontert: "Schule kann nicht alles aufwiegen, was die Gesellschaft versäumt hat." Auch Weinhofer kann sich mit dem Begriff "Wärmestube" nicht anfreunden: "Schule ist für viele die letzte Chance, den sozialen Aufstieg zu schaffen." Die Androhung einer Lehre ist für ihn am heutigen Arbeitsmarkt eine "leere Drohung". "Für die erfolgreiche Integration ist die Möglichkeit auf Bildung und Arbeit eine Voraussetzung", meint Schmid. Perspektivlosigkeit könne zu Gewalt führen, wenn auch der Vergleich mit Frankreich nicht angemessen sei.

Yunus, der selbst das "sehr liberale" Gymnasium Rahlgasse besucht, beobachtet im Klassenraum von Freunden vermehrt eine "Bildung von Randgruppen". Schmid kennt diese Tendenz, meint jedoch: "Jugendliche haben am wenigsten Probleme beim Zusammenschmelzen". Weinhofer stimmt zu: "Konflikte werden durch interkulturelle Ignoranz von außen in die Schule hineingetragen", und wünscht sich mehr aktive Beteiligung der Eltern am Integrationsprozess.

Von allen Seiten heftig kritisiert wurde der herrschende Sparkurs bei Bildung. Fuhrmann bestritt diesen als Einzige und brachte politische Farbe in die Diskussion: "Heute wird mehr Geld für Bildung ausgegeben, als zu der Zeit, wo die SPÖ den Kanzler gestellt hat." Auf Unmut aus den Publikumsreihen, rechtfertigte sie die Streichungen von Lehrerposten mit einem "Rückgang der Schülerzahlen", welchen Posch bestritt.

Schmid sieht im Bildungssystem einen dringenden Reformbedarf und schlägt "Ganztagsbildung statt Ganztagsschule" mit dem Schwerpunkt auf sozialen Kompetenzen vor. Yunus hält dies für eine "nette Idee", sieht die Ablehnung seiner Kollegen aber als vorprogrammiert, denn "jeder Schüler will so viel Freizeit wie möglich haben". "Veräppelt" fühlt sich eine Schülerin von "Schule-Neu-Plakaten mit grinsendem Kind", denn in ihrer Schule habe sich überhaupt nichts geändert. Auch Mitsprache gebe es zu wenig: "Es ist eine Frechheit, dass andere über meine Bildung bestimmen", beklagt sie sich.

Immer wieder fiel die Diskussion auf die "Integrationsbarriere Deutsch" zurück. "Sprache ist Grundlage für soziale Kontakte", betont Fuhrmann in Anspielung auf die empörten Publikumsreaktionen zu den verpflichtenden Deutschkursen im neuen Asylgesetz. Schmid hält dem entgegen: "Man kann durch gesetzliche Maßnahmen keine Integration erreichen." Verwunderung kam auch zur Überprüfung dieser neuerworbenen Deutschkenntnisse auf. "Was passiert, wenn man nicht lernt? Fliegt man dann raus aus diesem Land?", richtet Schülerin Karoline ihre Publikumsfrage an Fuhrmann. "Nein, natürlich nicht. Das Niveau der Staatsbürgerschaft in Österreich ist aber sehr hoch", schweift die Abgeordnete ab.

Ein konkretes Konzept für eine "neue Schule" blieb Fuhrmann dem Publikum schuldig, worauf eine wutentbrannte Ex-Rahlgassen-Schülerin die Politikerin aufforderte, "mit ihren gelernten Stehsätzen" aufzuhören. Andere Forderungen der Schülertalker waren "mehr politische Bildung an Schulen", "demokratische Mitbestimmung", "weniger Stundenkürzungen und höheres Bildungsbudget".

Dass der momentane Schmelztiegel in Klassen so oft nicht funktioniere, darüber waren sich Experten sowie Publikumsdiskutanten einig. Für Schmid bedeutet Integration, "nicht alle auf ein Niveau anzugleichen, sondern sich gegenseitig zu tolerieren". Einen geeigneten Schlusssatz fand eine Besucherin aus der ersten Reihe: "Integration ist, wenn man Zukunft hat." (DER STANDARD, Nina Palmstorfer, Alexander Müller, Printausgabe, 6.12.2005)

  • Die jungen Gäste diskutierten eifrig mit.
    foto: standard/fischer

    Die jungen Gäste diskutierten eifrig mit.

  • Im Scheinwerferlicht des Dschungel Wien diskutierten Walter Posch (SPÖ), Jugendanwalt Anton Schmid, Schüler Yunus Stoiber, Bettina Reicher (Moderation),
Direktor Friedrich Weinhofer und ÖVP-Abgeordnete Silvia Fuhrmann (von li.) beim Standard-Schülertalk den Schmelztiegel Klassenzimmer.
    foto: standard/fischer

    Im Scheinwerferlicht des Dschungel Wien diskutierten Walter Posch (SPÖ), Jugendanwalt Anton Schmid, Schüler Yunus Stoiber, Bettina Reicher (Moderation), Direktor Friedrich Weinhofer und ÖVP-Abgeordnete Silvia Fuhrmann (von li.) beim Standard-Schülertalk den Schmelztiegel Klassenzimmer.

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