Erinnerungen von Paul Lendvai: Die verlorene Stimme

5. Dezember 2005, 18:58
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Er war mein Freund, vor allem vielleicht, weil er auch ein Wanderer zwischen den Welten war...

... Jene, die einmal der kommunistischen Bewegung angehört hatten, wo und aus welchem Grund auch immer, und jene, die ihre Heimat auch verlassen mussten (wollten oder konnten), gehören zu einer besonderen Kategorie von Menschen. Die Spießbürger, die immer wissen, wie man persönliche oder politische Risiken vermeidet, und den bequemen Weg zur Sicherheit und Karriere wählen, rümpfen die Nase, wenn sie sich in vertrautem Kreis über solche Kosmopoliten, noch dazu mit einem fremden Akzent, unterhalten.

Für Menschen, wie Milo galt, was Sándor Márai in seinem Buch "Bekenntnisse eines Bürgers" schrieb, er sei "eine Seele auf der Durchreise" gewesen. Wie für Joseph Conrad und Elias Canetti, Milan Kundera und Georg Tabori, Czslaw Milosz und Witold Gombrowic war auch für diesen in Budapest geborenen Sohn eines serbischen Arztes, der kaum ein Wort Ungarisch sprach, das Exil die prägende Erfahrung. Er verachtete die karrieresüchtigen Anpasser, die die skrupellosesten Stützen der braunen und roten Diktaturen waren.

Er selbst war Widerstandskämpfer nach der Besetzung Belgrads durch deutsche Truppen. Er wurde 1942 verhaftet, schwer gefoltert und schließlich zur Zwangsarbeit nach Wien geschickt. Er blieb hier auch nach dem Krieg, und schon seine ersten Bücher schrieb er in deutscher Sprache. Ende Mai 1993 schrieb er in einem wichtigen und zugleich erschütternden offenen Brief an seinen einstigen Schulkameraden, den berühmten Philosophen und späteren Milosevic-Handlanger Mihailo Markovic, dass er in Wien blieb, weil er "mit den jugoslawischen Kommunisten, die zu dieser Zeit Erzstalinisten waren, eine Konfrontation vermeiden wollte, bei der ich sicherlich den Kürzeren gezogen hätte". Weiters schrieb er in diesem Brief (abgedruckt in "Leb wohl, Jugoslawien", Otto Müller Verlag 1993) Folgendes: "Du hättest nach den Erfahrungen unserer Jugend wissen müssen, dass die entfesselten nationalen Emotionen zum blinden Hass und zu einem von nieman- dem mehr kontrollierbaren schmutzigen Krieg führen und schließlich ein allgemeines Gemetzel hervorrufen, an dem bezahlte Mörder und echte Verbrecher teilnehmen und für ihr blutiges Werk noch als Helden der Nation gefeiert werden."

Schließlich warnte er Markovic, der damals stellvertretender Vorsitzender der regierenden Sozialistischen Partei Serbiens war: "Wir haben in unserem Alter nichts zu verlieren, nur das bisschen Menschenwürde, das uns noch verblieben ist und das wir vor unserem Abgang nicht gegen fragwürdige Vorteile verschachern dürfen, wenn wir nicht auf dem Misthaufen der Geschichte landen wollen."

Milo Dor war nicht nur ein großer und außerhalb Österreichs vielleicht zu wenig gewürdigter Schriftsteller. Er war nicht nur unermüdlich für den Schutz und die Einigung österreichischer Schriftsteller tätig. Er war nicht nur ein uneitler und aufrichtiger Helfer geflüchteter oder in die Emigration gezwungener serbischer (und anderer ausländischer) Schriftsteller. Milo Dor war eine über die Grenzen Österreichs anerkannte Integrationsfigur. Warum? Nicht weil er Orden, Titel und Auszeichnungen im Lauf eines langen Lebens mit einem außerordentlich umfangreichen Oeuvre bekommen hat, sondern weil er immer seine starke Stimme gegen den Nationalismus, gegen den Fremdenhass, gegen Antisemitismus erhoben hat. Und nicht nur gegen die deutschen oder österreichischen Ewiggestrigen, sondern auch, ja in erster Linie gegen den serbischen Nationalismus. Milo Dor war ein Humanist und ein Mitteleuropäer, dessen Leben und Werk man mit den Worten von Apollonius charakterisieren könnte: "Lügen ist für Knechte, dem Freien gebührt, die Wahrheit zu sagen." (DER STANDARD, Printausgabe, 06.12.2005)

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