Zum Fragment vollendet

5. Dezember 2005, 18:49
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Mozart und Georg Friedrich Haas beim Festival "Dialoge"

Salzburg - So bedrohlich der Text, so tröstlich die Musik: Die letzten Töne des "Lacrimosa" vermitteln die Gewissheit, dass das Gericht den Auferstandenen nicht zum Verderben werden wird. Doch dann: Nicht das triumphierende "Domine Jesu", sondern beklemmende Atemgeräusche wie aus gequälten Lungen, klappernde Maschinengeräusche, tonloses Stöhnen . . .

Es erklingt der "Fünfte Klangraum" von Georg Friedrich Haas, mit dem der Komponist das Sterben des schwer kranken Mozart spiegeln will. Dessen Requiem, von allen Süßmayer'schen oder zeitgenössischen Ergänzungen befreit, steht im Zentrum von Haas' "Sieben Klangräumen". Ihnen stellt Haas die originalen Requiem-Teile gegenüber.

Komplett sind ja nur Kyrie und Introitus. Ab dem "Dies irae" sind der Chorsatz und das Continuo vorhanden: Das Requiem einmal so "pur", reduziert bis auf das Grundgerüst und doch in seinem ganzen harmonischen Reichtum zu erleben, war die eigentliche Sensation - zumal wegen einer in Klang und Artikulation so differenzierten und durchdachten Wiedergabe, wie sie das Mozarteum Orchester und der Salzburger Bachchor unter Ivor Bolton boten.

Zusammen mit dem zum Fragment entblößten Requiem entfalteten die "Klangräume" eine enorme Sogwirkung in Richtung letzte Dinge. Textgrundlage von fünf der Klangräume sind Bruchstücke aus dem Antwortbrief des Wiener Magistrats, auf das Ansuchen Mozarts um die Stelle eines Helfers des Domkapellmeisters von St. Stephan wenige Wochen vor seinem Tod.

Das Unverständnis eines Beamtenapparates kommt im dritten Klangraum exemplarisch zum Ausdruck, wenn über einem bordunartigen Grundklang die Männerstimmen stur das Wort "dergestalt" rezitieren. Verzweifeltes Aufbegehren, wilde Schläge, feine unendlich oft wiederholte Glissandi sind Elemente der wirkungsvollen Tonsprache von Haas.

Ob allerdings nicht noch größere Wirkung erzielt worden wäre, wenn mit den letzten Worten, die Mozart in die Partitur eingetragen hat, "quam olim da capo", Schluss gewesen wäre, sei dahingestellt. Sanctus, Benedictus, Agnus und Communio in der Fassung von Franz Xaver Süßmayr wirkten nach der Begegnung mit dem "reinen" Mozart und dem puristischen Haas jedenfalls üppig, ja eher aufgeblasen. (DER STANDARD, Printausgabe, 06.12.2005)

Von Heidemarie Klabacher
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