Das Stadion und die städtische Abseitsfalle

14. Dezember 2005, 12:19
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Die Pläne für das neue Austria-Stadion am Stadtrand lösen massive Kritik aus - Experten orten einen stadtplanerischen Sündenfall

Der Grüne Christoph Chorherr befürchtet einen weiteren Shopping-Tempel. Experten orten einen stadtplanerischen Sündenfall, wenn die U1 "in die Pampa" verlängert wird.


Wien – Das neue Austria-Stadion werde in Rothneusiedl gebaut – gemeinsam mit Frank Stronach, hatte Bürgermeister Michael Häupl im STANDARD- Interview erklärt. Dies bestätigte Stronach tags darauf. Allerdings mit dem Zusatz: Voraussetzung sei, dass dies mit einem Einkaufszentrum verbunden werde "damit das Projekt ökonomisch Sinn macht".

Genau dieses Detail lässt den Grünen Planungssprecher Christoph Chorherr hyperventilieren: "Wann macht ein Fußballstadion für 30.000 Zuschauer ,ökonomisch Sinn‘? In Österreich, wo zu Heimmatches alle 14 Tage wenige tausend Zuschauer kommen?" Sein Umkehrschluss: Ein in Kombination geplantes "Riesen-Einkaufszentrum in Rothneusiedel wird das urbane Geschäftesterben massiv beschleunigen".

Zumal es sich nicht um das erste Projekt dieser Art handelt. Bereits der Bau einer Shopping City neben dem Happel-Stadion hatte massive Kritik bei Grünen und ÖVP ausgelöst – zumal die ursprünglich geplante Verkaufsfläche großzügig erweitert worden war (DER STANDARD berichtete).

Attacke

Auch das geplante Einkaufszentrum neben dem künftigen Zentralbahnhof am Südbahnhofgelände wurde bereits von der Wiener Wirtschaftskammer attackiert, weil es die bestehende Nahversorgung massiv gefährde.

"Mit den Plänen in Rothneusiedl konterkariert die Politik ihre eigenen Konzepte", empört sich nun auch Reinhard Seiß vom Institut für Stadt- und Regionalforschung an der Technischen Universität Wien. Die Entwicklung im Süden Wiens sei "sehr bedenklich". Schließlich wäre es ein Grundsatz des Stadtentwicklungsplanes, eine "Stadt der kurzen Wege" zu schaffen – die geplante U1-Verlängerung in den Süden Wiens führe die U-Bahn jedoch "in die Pampa". Dort befinde sich die größte zusammenhängende Grünfläche am Rande Wiens, erklärt Seiß, der eine Verlängerung bis zur Per Albin- Hannson-Siedlung für ausreichend hält.

Aufgrund der entstehenden S1 wäre ein öffentlicher Verkehrsanschluss wie auch die Schaffung eines neuen Verkehrsmagneten, dort wo sich jetzt "Äcker befinden, die bestellt werden, nicht sinnvoll".

Genug Flächen

Das Argument, dass dort der ideale Standort für ein Stadion wäre, lässt Seiß nicht gelten: Einerseits sei das Franz Horr- Stadion am Verteilerkreis – wie auch das Happel-Stadion – alles andere als ausgelastet, andererseits gebe es in Innenstadt-Nähe viele brach liegende Flächen, die sich anbieten würden: Etwa am Erdberger Mais, am Gelände des ehemaligen Nordbahnhofes, auf den Aspanggründen oder am Areal des derzeitigen Südbahnhofs.

Auch eine Wohnbebauung im Umfeld von Stadion und Einkaufszentrum sei nicht zu rechtfertigen: "Es gibt keinen Bevölkerungsboom in Wien. Jetzt müssen erst einmal das Flugfeld Aspern und andere große Entwicklungsgebiete gefüllt werden."

Chorherr wundert sich überdies über eine "unprofessionelle Vorgangsweise. Es sind die wichtigen Gründe noch gar nicht angekauft. Und da die Liegenschaftseigentümer auch Zeitung lesen, kann man sich vorstellen, wie die Preisgebote in die Höhe geschnalzt sind, seit Häupl es Stronach versprochen hat." (DER STANDARD-Printausgabe 06.12.2005)

Roman David-Freihsl und Karin Krichmayr
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