Slogan des Prassens als Münchner Rezept

5. Dezember 2005, 19:13
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Frank Baumbauer, seit 2001 Intendant der ruhmreichen Münchner Kammerspiele, verquickt das geduldige Werben um Besucher mit ästhetischer Beharrlichkeit - Ein Porträt

Auch wenn sich die kulturpolitischen Rahmenbedingungen in der Zwischenzeit verschärfen: Baumbauer (60) dient bis 2009 durch. Ein Porträt.


Das vorweihnachtliche München ist eine Herausforderung an eine aussterbende Spezies: den heimlichen Kaufkraftgewinner. Während andernorts große Koalitionen gebildet werden, um die neue Armut von den Pflasterstränden fern zu halten, hängen in den Schaufenstern der mondänen Maximilianstraße die bajuwarischen Lamettabündel, drängeln sich auf den Preisschildchen die Euro-Nullen.

"Du sollst nicht sparen", hängt als provokanter Spruchtext über den Münchner Kammerspielen. Intendant Frank Baumbauer (60) glaubt sich in der fünften Spielzeit "gefühlsmäßig in der dritten" angekommen. Allmählich, sagt Baumbauer, griffen die Rädchen ineinander. Die Münchner wüssten endlich, warum sie Baumbauer in seine Heimatstadt zurückgeholt hätten.

Der langjährige Chef des bekannt schwergängigen Hamburger Schauspiels war 2001 Dieter Dorn nachgefolgt: einem Feuerkopf des dekorativen Sprechtheaters. Dorn übersiedelte mit dem Gros seiner Schauspieler jedoch nur über die Straße, in das Bayerische Staatsschauspiel, um fortan die Münchner mit bekannten Gesichtern und verhuschten Gefühlen zu erfreuen: mit dem Label ästhetischer Wertbeständigkeit.

Baumbauer, ein überaus verbindlicher Typ, gab ohne besonderes Feuer den Störenfried gegenüber. Er entbehrte wegen Umbauarbeiten zudem seines baulichen Jugendstiljuwels: "Wir zogen durch alle möglichen Hallen und hofften, auch jugendliche Besucher für uns zu interessieren."

Als 2003, zur Wiedereröffnung der Original-Kammerspiele, Luk Perceval den Othello von dem deutschtürkischen Autor Feridun Zaimoglu in eine schlangengiftige Gossensprache eintauchen ließ, regte sich lautstarker Protest. Die Münchner Großbourgeoisie klimperte entrüstet mit den Colliers, als Jago seinem weißhäutigen Herrn die angedichtete Hochpotenz neidete.

Heute kann sich einen Besuch der Kammerspiele ganz einfach nicht sparen, wer in der Theaterrepublik mitreden will. Baumbauer ist ein umsichtiger Hausvater, der gegenüber seinen Regisseuren betont partnerschaftlich auftritt. Der mit so unterschiedlichen Inszenierungsköpfen wie Jossi Wieler, Perceval, Andreas Kriegenburg, Johan Simons und Sebastian Nübling auf Gruppenlager fährt, um sie als Gedankenaustauschschüler zu unterrichten.

Erkundungsstrecke

Als unlängst Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Hebbels Nibelungen für einen Wiener "Nestroy"-Preis nominiert war, wollte Baumbauer aufgrund eines Krankheitsfalles in der Familie nur mitreisen, falls der Gewinn auch "wahrscheinlich" wäre.

Die Wiener Preis-Auguren antworteten vieldeutig: "Kommen Sie ganz einfach!" Baumbauer kam also, und Kriegenburg gewann. Im Wiener Provinzplüsch wurde mit den Nibelungen ausgerechnet eine Arbeit gefeiert, in der die Deutschen ihren nachtschwarzen Genius erkunden. Ein Akt gelebter nachbarschaftlicher Solidarität.

München spart nicht an seinen Kultureinrichtungen: Auch deshalb hat Baumbauer seinen seit 2001 laufenden Vertrag bis 2009 verlängert. "Es ist schon erstaunlich", sagt er: "Da werden wir ,schwarz‘ umspült – aber auch das CSU- lastige Land Bayern ist imstande, seine Zusicherungen ordnungsgemäß zu erfüllen. Kein Vergleich mit Berlin oder Nordrhein-Westfalen."

Obwohl, in zeitlicher Versetzung, einigermaßen abgespeckt werden muss: Die in eine weit gehende Selbstständigkeit entlassenen Kammerspiele kommen nicht umhin, ab 2007 ihren Etat von rund 21 auf à la longue 19 Millionen Euro herunterzufahren. "Wir verfügen gerade einmal über 28 Schauspielerinnen und Schauspieler", demonstriert Baumbauer Willen zur Selbstbescheidung.

"Wir haben es geschafft, beim Publikum eine Schneise zu schlagen", frohlockt Baumbauer. Percevals Othello wandert demnächst sogar nach Stratford, "dem Goetheanum der Shakespeare-Pflege". In eine Schlüsselarbeit wie Johan Simons' Titus Andronicus (nach Heiner Müller) gehen noch immer nicht allzu viele Leute – "aber es war für uns halt die Frage: Wie thematisieren wir nach dem 11. September die ,Fremden‘, die da nach Rom eindringen? Wie können wir den Reichtum der westlichen Welt sichern – und worin besteht der eigentlich? Besitzen wir einen eigenen Glauben?"

Mit der Frage nach dem Innen und dem Außen einer vermeintlich krisensicheren Zivilisation haben "wir erst ein 4. Spalte mal einen Publikumswechsel provoziert", sagt Baumbauer. Die Münchner hätten sich beide Optionen offen gehalten: "Die sagten: Wir behalten unser Abo in den Kammerspielen, gehen aber auch zu Dorn in das Staatsschauspiel hinüber." So "prozesshaft sei das, ja. Darum habe ich auch erst im vergangenen Jahr verlängert, weil ich spürte: Du kannst hier nicht etwas umbauen – und dann mittendrin sagen, ich gehe in zwei Jahren beispielsweise nach Berlin!" Sie bleiben also in München? "Ja, weil sich hier seit einem Jahr etwas ins Gute bewegt!"

Spätestens 2009 wird doch auch das Wiener Burgtheater frei? Baumbauer schüttelt den Kopf: "Falls es bis 2009 dauert...

Ich war übrigens schon einmal Kandidat für die Burg. Der damalige Kanzler Klima lud mich zu Verhandlungen ein, und ich musste hernach durch einen Tunnel aus dem Kanzleramt verschwinden." Sein Fazit: "Nie wieder Kandidat sein!" Was doch immerhin noch ein paar Bewegungsspielräume frei lässt. (DER STANDARD, Printausgabe, 06.12.2005)

Von Ronald Pohl aus München
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    Frank Baumbauer, der zu Anfang des neuen Jahrtausends auch das Salzburger Festspiel-Theater beaufsich-tigte: "Hier in München ist ein Prozess in Gang gekommen. Er verdient es, fortgesetzt zu werden."

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