Ein Genie für zwischendurch

12. Dezember 2005, 13:09
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Dass nicht immer nur die großen Ideen Erfolg haben müssen, will man mit dem Genius-Wettbewerb beweisen: Prämiert wurden ein automatischer Buchscanner und ein "Mensch ärgere Dich nicht"-Spiel für Blinde und Sehbehinderte

Studenten dürfen sich freuen. Kein mühsames Kopieren mehr von ausgeborgten Büchern, kein stundenlanges Stehen in Copyshops. ScanRobot, ein Buchscanner mit vollautomatischer Blattwendeeinheit, erspart ihnen das händische Aufschlagen, Umblättern und Bearbeiten jeder einzelnen Seite. Die Entwicklung eines Wiener Studententeams der Technischen Universität Wien erleichtert aber auch das Scannen und Digitalisieren von Büchern, womit wohl noch jemandem Freude bereitet wird: den Mitarbeitern von Bibliotheken, die umfangreiche Bestände elektronisch einlesen müssen, damit sie die Nachwelt am PC oder am mobilen Endgerät lesen kann.

Erfindergeist

Das Studententeam (Christoph Bauer, Christoph Bacher, Markus Barth, Stephan Tratter - nach einer Idee des TU-Professors Wolfgang Zagler) gewann mit ScanRobot den ersten Preis beim Genius-Wettbewerb der Regionalen Innovationszentren in Niederösterreich (RIZ) - einem jährlich stattfindenden Wettbewerb, der den heimischen Erfindergeist fördern soll. Verlangt waren, der Größe Österreichs entsprechend, vor allem kleine Ideen für den Alltag, nicht unbedingt die großen revolutionären Innovationen, die die Gesellschaft nachhaltig beeinflussen könnten. Wobei der zweite Sieger des Genius-Wettbewerbs wohl zumindest eine entscheidende Verbesserung bei der Entwicklung von Computern, einem für die Gesellschaft schon sehr wichtigen Thema, entwickelt haben dürfte.

Erich Neubauer und René Nagel von Seibersdorf Material Research haben einen Werkstoff geschaffen, der ein zukünftiges Problem der PC-Chip-Herstellung lösen soll: Die Chips werden immer kleiner, das derzeit verwendete wärmedämmende Material, das vor Überhitzung des PC schützt, wird irgendwann einmal den Anforderungen nicht mehr genügen. Mit einer Kupfer-Diamant-Mischung hat man nun einen Werkstoff, so Erich Neubauer, der zum einen eine "hohe thermische Leitfähigkeit" hat und sich zum anderen keinesfalls stärker ausdehnt als das Chipmaterial Silizium, weil es ansonsten zu Spannungen kommen würde.

Kommende Chipgenerationen sollen dadurch nicht so viel Wärme abstrahlen wie befürchtet. Mehr ins Detail will Neubauer nicht gehen. Er könnte sonst die Neugier anderer Erfindergeister wecken.

Eine Sorge, die Johann Schwarz aus Krumbach in Niederösterreich nicht mehr hat. Seine Adaptierung des Spielklassikers "Mensch ärgere Dich nicht" für Blinde, Sehbehinderte und Menschen mit motorischen Störungen wird über die Website TouchC bereits vertrieben. Hier handelt sich freilich nicht um ein Brett, sondern um eine robuste dreidimensionale Konstruktion mit einer integrierten Würfelscheibe. Jeder Spieler kann auf seiner Seite die Würfelzahl abrufen. Steckbohrungen, in die die Figuren passen, ermöglichen auch Menschen mit motorischen Störungen und Blindheit, das Spiel zügig zu spielen. Die Figuren haben unterschiedliche Formen (gerade, hohl, spitz und rund) an beiden Enden. "So können Behinderte am Spiel teilnehmen und haben dabei keinerlei Nachteile gegenüber Sehenden", umschreibt Schwarz seine Überlegungen.

Die Notwendigkeit, eine Idee finden, das war auch das Bestreben von Johann Zacherl und Markus Reithofer, die mit "Dotlight" ebenfalls am zweiten Platz des Genius-Wettbewerbs landeten. Hier handelt es sich um einen Laserpointer, der an einem Headset angebracht wurde und mit Sprachsteuerung ein- und ausgeschaltet werden kann. "So wollen wir umständliche Handgriffe vermeiden - unter anderem im Ausbildungsbereich und im medizinischen Bereich haben wir da Bedarf gesehen", sagt Zacherl, der eigentlich Chirurg an der Universitätsklinik Wien ist und das auch bleiben will.

Der dritte Platz schließlich wurde nur einmal vergeben, dafür an ein Team (Thomas Herzig, Christian Schönhofer, Michael Pfeifer, Irmgard Herzig, Philipp Lutz) für einen Bausatz aufblasbarer Zellen.

Dass viel Luft im Spiel ist, zeigt schon der Name: Pneumocell. Das Wort Pneumo weist auf mit Luft gefüllte Einheiten hin. In diesem Fall sind es aus luftdicht verschweißter Kunststofffolie gefertigte Zellen. In der Draufsicht bilden die Zellelemente gleichseitige Dreiecke, Quadrate, Fünfecke und Sechsecke, die aufgrund ihrer gemeinsamen Kantenlänge beliebig miteinander verbunden werden können. Somit ist die Errichtung von vielgestaltigen Gebäudehüllen und Tragwerken möglich, die sehr leicht, wasserdicht, lichtdurchlässig, schwimmfähig und aufgrund der Luftkammern auch noch wärmedämmend sind.

Einfache Ansätze

"Erfindungen müssen nicht immer hochtechnisch und kompliziert sein. Oft sind es einfache Lösungsansätze, die großen Erfolg versprechen", beschreibt Karin Platzer, Geschäftsführerin der Regionalen Innovationszentren in Niederösterreich, das Konzept des Wettbewerbs. Der "Genius" wurde nun bereits zum fünften Mal vergeben. Insgesamt 24.800 Euro wurden locker gemacht, die beiden Siegerprojekte erhielten jeweils 5800 Euro.

Johann Schwarz, der Erfinder des adaptierten "Mensch ärgere Dich nicht"-Spiels, stellt den ersten fünf Anrufern, die seine Nummer wählen, je ein Spiel kostenlos zur Verfügung. Tel.: 0676/84 19 13 10 (Peter Illetschko/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 12. 2005)

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