STANDARD-Interview: Forschung hilft Misserfolge vermeiden

12. Dezember 2005, 13:00
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Wie man Unsicherheiten in innovativen Geschäftsfeldern reduzieren könnte, darüber macht sich Christian Stummer am E-Commerce Competence Center Gedanken. Christian Prenger sprach mit ihm über den Erfolg am wissenschaftlichen Reißbrett

STANDARD: Erhalten Firmen von Ihrer Forschergruppe, dem dBiz, ein Wundermittel für Markterfolge?

Stummer: Wir sind nicht im Besitz eines Wundermittels. Aber wir können Industriepartner des EC3 und externe Auftraggeber unterstützen, wenn es um Erforschung und Entwicklung digitaler Geschäftsformen sowie um Innovationsmanagement mit Schwerpunkt auf Produkteinführung geht. Wir analysieren elektronische Geschäftsmodelle, nehmen Märkte unter die Lupe, verfassen Studien und betreiben gezielte Forschung. Ein Pool von Experten aus verschiedenen Bereichen tritt hier an, um möglichst verlässliche Entscheidungsgrundlagen zu Fragen rund ums E-Business zu erstellen. Wertvoll ist auch die Kooperation mit der Uni Wien, der Wirtschaftsuniversität und der Technischen Universität. Dadurch haben wir früh Zugriff auf neue wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse.

STANDARD: Worauf sollen Anbieter bei digitalen Neueinführungen achten?

Stummer: Jedes Produkt muss zuerst einmal den Anforderungen des Marktes entsprechen. Wer am potenziellen Anwender vorbeiagiert, hat selbstverständlich keine Chance. Der Zeitpunkt ist ein weiterer Faktor: Die Einführung darf weder zu spät noch zu früh erfolgen. Kritisch ist weiters der Preis: So konnten wir in einer Studie mit der Paradigma Unternehmensberatung feststellen, dass die Bevölkerung in Tschechien der mobilen digitalen Signatur gegenüber sehr aufgeschlossen ist. Nur: Kosten soll es nichts. Durch solche Erkenntnisse lassen sich Misserfolge viel besser vermeiden.

STANDARD: Lässt sich Erfolg am Reißbrett designen?

Stummer: Nicht hundertprozentig. Was wir leisten können, ist etwa die Analyse des Marktumfelds bis hin zur Erstellung eines Businessplans. Manager müssen nicht aus dem Bauch heraus entscheiden, sondern erhalten von uns eine Entscheidungsunterstützung.

STANDARD: Was sind diesem Zusammenhang konkrete Praxisbeispiele?

Stummer: Derzeit arbeiten wir unter anderem an einer Studie über den Einsatz von mobilen Services für den Versicherungssektor. Im Kfz-Bereich könnte die Prämie dann individuell von Parametern wie der zurückgelegten Wegstrecke abhängig gemacht werden. Andere Projekte beschäftigen sich mit mobiler Videotelefonie im Tourismusbereich oder mit der Frage, welche Dienstleistungen von einem Telekomunternehmen wie T-Mobile effizienter über das Internet angeboten werden könnten.

STANDARD: Im Bereich der mobilen Dienste scheint generell viel Potenzial vorhanden zu sein. Welchen Entwicklungsbeitrag kann das E-Commerce Competence Center hier leisten?

Stummer: Da elektronische Märkte oft auch neue Märkte sind, ist es für Unternehmen doppelt schwierig: Einerseits liegen keine Erfahrungswerte vor, was Konsumentenverhalten oder Akzeptanz betrifft. Andererseits greifen andere Mechanismen. Hier ist es wichtig, Instrumente wie Onlinebefragungen, Experteninterviews und Statistik zu bieten. Wir waren bei der Pilotstudie eines mobilen Reisebegleiters im öffentlichen Verkehr beteiligt. Ein Smartphone zeigt hier nicht bloß den besten Weg von einem Standort zum anderen, sondern erlaubt gleichzeitig den Fahrkartenkauf.

STANDARD: Ist nicht gerade der User schwer "auszurechnen"?

Stummer: Ja, aber die Forschungsgruppe kann beitragen, mehr über Nutzer zu erfahren. So wurde für das Unternehmen APC Interactive eine Studie über Reichweite und Nutzerstruktur von Multimedia-Terminals erstellt und die Werbewirkung mit herkömmlicher Onlinewerbung verglichen. Ein anderes Beispiel ist der mit Tiscover eingeführte Österreichische Tourismus-Buchungsmonitor, der Prognosen über die nächste Reisesaison erlaubt.

STANDARD: Mit welchen Innovationen ist denn in den nächsten Jahren überhaupt noch im E-Business zu rechnen?

Stummer: Nach E-Commerce und M-Commerce könnte U-Commerce neue kommerzielle Perspektiven eröffnen. Das Ubiquitous Computing steht für die Allgegenwärtigkeit von Informationstechnologie. Es ist keinerlei Computerzugang erforderlich, ebenso kein Mobiltelefon.

STANDARD: Das klingt eher nach Sciencefiction als nach Umsätzen.

Stummer: Es ist eine Zeitfrage, bis sich solche Innovationen durchsetzen. Wenn es so weit ist, dann betreten Benützer öffentlicher Verkehrsmittel eine Station - und benötigen kein Ticket mehr; die Abrechnung des Fahrpreises erfolgt via SIM-Karte oder Funkchip. Das erledigen drahtlose Minicomputer, die unsichtbar in Gegenstände eingebaut und mit Sensoren ausgestattet sind. Sie realisieren den Informationsaustausch und bilden damit die technische Grundlage für neue Geschäftsmodelle.

STANDARD: Ein erst kürzlich hinzugekommenes Feld von dBiz beschäftigt sich mit der Kompetenzentwicklung. Was wird hier konkret geleistet?

Stummer: Dieser Service zielt auf Unternehmen in einem dynamischen, wissensintensiven Umfeld wie dem E-Business. Zum einen beschäftigen wir uns mit der internen Bewertung intellektueller Ressourcen. Zum anderen arbeiten wir an der Erweiterung eines Unterstützungssystems für Entscheider betreffend die interaktive Projektauswahl. Damit soll dann Kompetenzentwicklung an strategischen Zielen ausgerichtet werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 12. 2005)

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