Israel: Sechs Tote bei Selbstmordattentat in Netanya

9. Dezember 2005, 09:01
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Attentäter sprengte sich am Eingang zu Einkaufszentrum in die Luft - Palästinensische Führung verurteilt Anschlag

Das "Tor des Todes" nennen die Bürger von Netania jetzt den verglasten Eingang zum großen Sharon-Einkaufszentrum, vor dem sich am Montag nach Anschlägen im Mai 2001 und im Juli 2005 schon zum dritten Mal ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Gegen 11.30 Uhr Ortszeit fiel ein junger Palästinenser Passanten auf, weil er die Hand in unnatürlicher Stellung in einer großen Tasche hielt und so den Zebrastreifen in Richtung Einkaufszentrum überquerte. Die Rufe "Terrorist, Terrorist" alarmierten Polizisten und die Torwächter, die den Angreifer noch abdrängten - aber er zündete die Bombe und riss fünf Menschen mit in den Tod. Mehr als 60 Menschen kamen in Spitalsbehandlung, vier von ihnen mit sehr schweren Verletzungen.

Erste Meldungen arabischer Fernsehstationen hatten auf die Al-Aksa-Märtyrerbrigaden hingedeutet, die der Fatah-Bewegung von Autonomiechef Mahmud Abbas nahe stehen. Keine zwei Stunden nach dem Anschlag brachte aber der Islamische Djihad eine Videoaufnahme in Umlauf - der Mann, der darauf mit einem Gewehr in der Hand seine "Abschiedsbotschaft" hinterließ, wurde als der 23-jährige Lutfi Abu Saada aus einem Dorf bei Tulkarem identifiziert.

Separatkrieg

Eine provisorische "Waffenruhe", die Abbas im Februar auch im Namen radikaler Palästinensergruppen mit Israels Premier Ariel Sharon vereinbart hatte, soll noch mindestens bis Jahresende gelten, der Islamische Djihad hatte sich ihr aber von vornherein nicht angeschlossen und beteiligt sich, im Gegensatz zur Hamas, auch nicht an den für Jänner geplanten palästinensischen Parlamentswahlen.

Schon seit Wochen führen die Israelis im nördlichen Westjordanland eine Art Separatkrieg gegen den Djihad, mit dutzenden Verhaftungen und sporadischen Schießereien. In einer von seiner Kanzlei veröffentlichten Erklärung verurteilte Abbas den Anschlag, doch Israels Außenminister Silvan Shalom warf Abbas wieder vor, dass er "nichts tut, um gegen die Terroristen zu kämpfen". Die israelischen Behörden untersuchten, wie der Selbstmordterrorist trotz der in diesem Abschnitt längst fertig gestellten Sicherheitsbarriere durchkommen konnte. Bei dem Anschlag, der im Oktober die nahe gelegene Stadt Hedera getroffen hatte, hatte der Attentäter einen langen Umweg über den Raum von Jerusalem gemacht, wo die Barriere noch Stückwerk ist.

Der neue Chef der Arbeitspartei, Amir Peretz, rief nach dem Anschlag von Netania zu einem "kompromisslosen Krieg gegen den Terrorismus" auf. In einem zuvor erschienen Interview mit der Tageszeitung Neues Deutschland sprach er sich für ein Ende des "Abenteuers Siedlungen" aus. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.12.2005)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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    Selbstmordanschlag in Netanya.

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