Polemik um Gesichtsverpflanzung

5. Dezember 2005, 21:51
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Französisches Ärzteteam verpflanzte ganzen Gesichtsteil einer toten Organspenderin - Patientin geht es gut, Streit um Unfallhergang ausgebrochen

Vom medizinischen Standpunkt aus scheint die Operation gelungen. Vor einer Woche hatte ein französisches Ärzteteam als Weltneuheit erstmals einen ganzen Gesichtsteil von einer toten Organspenderin auf eine 38-jährige Frau verpflanzt. Sie könne den Mund öffnen und sprechen, meinte nun eine der 50 beteiligten Ärzte, die Chirurgin Sylvie Testelin. "Nach ihrem Aufwachen aus der Narkose führte sie ihre Hand ans Gesicht, um zu entdecken, dass sie ein neues hatte."

Die Patientin aus der nordfranzösischen Stadt Amiens war vor einem halben Jahr von ihrem eigenen Hund gebissen worden und hatte dabei Teile ihrer Nase, ihres Mundes und ihres Kinnes verloren. Sie konnte nur noch mit Mühe sprechen, essen und atmen. Ihr Chirurg kam zu dem Schluss, dass das Gewebe kaum mehr nachwachsen könne, und kontaktierte seinen Kollegen Jean-Michel Dubernard in Lyon, der schon Handverpflanzungen vorgenommen hat. Nach der fünfzehnstündigen Gesichtstransplantation warnen aber auch die beteiligten Ärzte, dass die Gefahr einer Abstoßung noch lange bestehe.

Der Pariser Professor Emmanuel Hirsch, der in der neuen französischen Biomedizinagentur für ethische Fragen zuständig ist, kritisierte am Sonntag, sein Gremium sei nie um eine Meinung befragt worden. Die Equipe um Dubernard erwidert, sie habe sich auf den nationalen Ethikrat gestützt, der in einem Grundsatzentscheid von 2004 nur vollständige, nicht aber partielle Gesichtstransplantate abgelehnt habe. Der Rat hatte sich aber nicht direkt zum Fall der Isabelle D. geäußert.

Für Aufsehen sorgt nun die Tochter der Patientin mit ihrem Hinweis, ihre Mutter habe in der Unfallnacht Schlaftabletten geschluckt; der Hund - ein Labrador-Beauceron, der inzwischen eingeschläfert worden ist - habe die bewusstlos auf dem Boden liegende Frau aufrütteln wollen und sie wohl aus Versehen stark gebissen. Französische und britische Zeitungen sprechen von einem Selbstmordversuch der Frau.

Der Starchirurg stellt jeden Selbstmordversuch in Abrede; er meinte, seine Patientin habe in jener Nacht "eine oder zwei" Schlaftabletten eingenommen, aber nur, weil sie sich zuvor mit ihrer Tochter gestritten habe. (DER STANDARD - Printausgabe, 5. Dezember 2005)

Stefan Brändle aus Paris
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