Theaterwaschzwang eines Schmuddelgottes

9. Dezember 2005, 12:56
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Zwangsmodern: "Die Bakchen" in den Münchner Kammerspielen

München - Euripides' Tragödie Die Bakchen, ein rund 400 Jahre vor Christi Geburt uraufgeführtes Nachlasswerk der attischen Hoch- und Staatskultur, hält für jeden aufgeklärten Staatsgrundrechtler eine ganze Reihe unangenehmer Wahrheiten bereit. Denn das Stück, dieser Tage von dem Schweizer Regisseur Jossi Wieler an den Münchner Kammerspielen als mythische Flaschenpost an uns entzauberte Heutige aufgegeben, führt mit Dionysos einen leibhaftigen, auf Anbetung erpichten, eifersüchtigen Gott vor.

Dieser klettert angetrunken von der bröckeligen Scholle Kleinasiens herunter und erweckt bei den zivilisierten Europäern kolossale Lüste. Thebens Stadttyrann Pentheus (André Jung) nennt ihn daher einen Verheerer und Verderber der Frauen Thebens: Die kommen zu ihm auf den Berg Kithairon gelaufen, wo sie das Vieh mit bloßen Händen zerreißen, die rote Erde mit dem Thyrsos-Stab aufklopfen und mit Efeu bekränzt ihre wilden Dithyramben singen. Die Stadt, moniert Pentheus, müsse angesichts eines solchen liederlichen Treibens unweigerlich vor die Hunde gehen!

In den Kammerspielen, wo Ausstatter Jens Kilian ein aseptisch weißes Gebirgsloft in eine winternebelige Fichtennadellandschaft gezimmert hat, kratzt Wieler die Fundamente des Mythos ausgerechnet unter den Wohlfühlzonen der Freizeithütten hervor. Pentheus, ein verkniffener Staatsmanager, achtet heikel auf Ordnung beim Aneinanderpassen der Bügelfalten. Er schwemmt aufkommenden Ärger mit teuerstem Tafelwasser hinunter und schnauzt die Stadtältesten an, die zu Dionysos (Robert Hunger-Bühler) feiern gehen wollen und sich dazu wie postkommunistische Mindestrentner staffiert haben. Zu keiner Sekunde gibt die Aufführung Auskunft darüber, warum Wieler den politischen Raum der Polis in eine Art VIP-Schaukel mit Tannenzapfenblick verräumt hat: in ein Leichenschauhaus mit Badezimmerarmaturen, dessen eine Wand gerundet ist wie eine eingemottete Turbinenkammer.

Lähmung danach

Vollends des thebanischen Personals aber hat sich eine schwer postekstatische Lähmung bemächtigt. Zwei Bacchantinnen (Sylvana Krappatsch und Wiebke Puls) kauern in hautfarbenen Latexkostümen wie Raubkatzen in der Chillout-Zone herum: Saftschubsen an den Blutbottichen der schiefergrauen Vorzeit. Sie masturbieren fröhlich zum Botenbericht von Pentheus' Zerreißung durch dessen von Sinnen geratene Mutter (Hildegard Schmahl).

Unsere Zivilisation kann sich die Schrecken des Rausches, der die Toleranzgrenzen der modernen Staatsgebilde niederreißt, scheint's, nicht mehr angemessen tapfer ausmalen. Sie strichelt sich lieber Verkleinerungsformen zurecht - und tut so, als ob sie der ohrenbetäubende Lärm von Raserei und Brunst nichts mehr anginge. Wielers merkwürdig nachgiebige Backchen belegen ein nicht nur ideologisches, sondern auch ästhetisches Manko: die Kleinheit vor dem Feind. Etwas bacchantische Lockerung wäre nötig. (DER STANDARD, Printausgabe, 05.12.2005)

Von Ronald Pohl aus
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