Polen/Deutschland: Alte Probleme, neue Akzente

6. Dezember 2005, 16:15
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Treffen in Breslau - Mazowiecki: "So stelle ich mir die Zukunft Europas vor" - Merkel: "Lasst uns eine zukunftsgerichtete Politik machen"

"Probleme mit den Deutschen haben wir hier nicht", sagt Rafal Dutkiewicz, der Oberbürgermeister Breslaus. "Im Gegenteil. Wir haben die deutsche Geschichte der Stadt auch für uns entdeckt und sind auf eine seltsame Weise stolz auf sie." Einen Tag nach dem Besuch der neuen Bundeskanzlerin Deutschlands Angela Merkel in Warschau herrschte auf der Dominsel von Breslau Hochbetrieb. Wieder ging es um deutsch-polnische Beziehungen, wieder um ein schwieriges Kapitel in der Geschichte der beiden Länder.

Anders als in Warschau, wo Merkel und Polens Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz für einen Neustart in den deutsch-polnischen Beziehungen plädierten, knüpfte man in Breslau, polnisch Wroclaw, an die Geschichte an und feierte sie. 1965, mitten im Kalten Krieg, hatte Boleslaw Kominek, der Erzbischof von Breslau, eine revolutionäre Friedensbotschaft an die Deutschen geschickt. "Wir vergeben und bitten um Vergebung." Mit einem vier Meter hohen Denkmal wurde der "Vater der deutsch-polnischen Aussöhnung" in Breslau/Wroclaw geehrt.

Vorsichtige Wortwahl

Während sich in der niederschlesischen Metropole deutsche und polnische Breslauer umarmten und beim anschließenden Stehempfang wieder gemeinsame Pläne für die Zukunft schmiedeten, mussten in Warschau Angela Merkel und Kazimierz Marcinkiewicz jedes Wort vorsichtig abwägen, um nur ja in kein Fettnäpfchen zu treten. Warschau, das bereits seit drei Jahren von Lech Kaczynski, dem designierten Präsidenten Polens, regiert wird, ist denn auch im Investitionsranking der polnischen Städte zurückgefallen. Während Breslau, Posen und Lódz regelrechte Boomzeiten erleben, schreckt die vergangenheitsorientierte offizielle Politik Warschaus künftige Investoren aus dem Westen eher ab.

Tadeusz Mazowiecki, Polens erster nicht kommunistischer Ministerpräsident nach 1945, gab in Breslau ein Interview nach dem anderen. "Für uns in Warschau ist diese Offenheit hier in Breslau immer wieder erstaunlich. Wie selbstverständlich hier Deutsche und Polen miteinander umgehen! So stelle ich mir die Zukunft Europas vor." So ähnlich lautete denn auch Merkels Schlüsselwort in Warschau: "Lasst uns eine zukunftsgerichtete Politik machen!" (DER STANDARD, Printausgabe 5.12.2005)

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    Angela Merkel und Kazimierz Marcinkiewicz mussten jedes Wort vorsichtig abwägen, um nur ja in kein Fettnäpfchen zu treten.

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