Als die Tränen Fußball spielten

14. Dezember 2005, 12:18
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Der künftige Teamchef Josef Hickersberger hat Abschied aus dem St. Hanappi genommen. Rapids Sieg über Pasching trug zur allgemeinen Rührseligkeit und Wehmut natürlich bei

Wien - Sentimental? "Ja, leider. Ich bin aber selber schuld, wollte Teamchef werden." Die letzte Zigarillo an der Seitenlinie. Eine zu vernachlässigende Auseinandersetzung mit Schiedsrichter Thomas Einwaller. "Es war ein Einwurf für uns." Der hat dem im schwarz-grauen Anorak eingemummten Josef Hickersberger milde zugelächelt. Kalt war's trotzdem. Dreimal gejubelt, nach jedem Tor von Rapid. Einmal wütend gewesen (Drehung um die eigene Achse), schließlich hat auch Pasching getroffen. Den Andreas Ivanschitz umarmt. Den Steffen Hofmann abgeklatscht. Schlusspfiff.

"Hicke, wir danken dir", riefen sie von den Tribünen. Er verneigte sich, so tief, dass die Nase auf dem gefrorenen Boden fast picken geblieben wäre. Er drehte eine letzte Runde, behäbigen Schrittes, den Kopf zwischen den Schultern versteckt. Winkte lange in den Westen, kürzer in den Norden, in den Osten und auch in den Süden. Entschwand in die Kabine, um dort die Wehmut samt der Demut in einem Winkerl abzustellen. "Ging nicht", sagte er nach der Wiederkehr. "Ja, ich bin sentimental."

Der Samstag hatte planmäßig begonnen. Ein Gespräch mit Nachfolger Georg Zellhofer fürs Rapid-Magazin, Mittagessen, mit den Enkelkindern spielen, ab ins Stadion. Zellhofer hat übrigens einen Assistenten gefunden, er heißt Roman Pivarnik, der 38-jährige Slowake ist Magister der Sportwissenschaften und stand in jener Mannschaft, die 1996 Meister wurde. Herbert Feurer bleibt Tormann-Trainer. Peter Persidis nimmt Hickersberger als Assistent mit zum ÖFB.

Als er ein letztes Mal jene Arena betrat, die er in St. Hanappi umbenannt hatte, war es um ihn geschehen. Die Ultras hatten ein riesiges Transparent aufgehängt, auf dem "J. Hickersberger. Einer von uns" geschrieben stand. Sie haben ihm ein Bild und eine Urkunde überreicht, ein Fan-Vertreter sprach: "Sie haben einen schlafenden Riesen zum Leben erweckt, danke." So etwas regt die Tränendrüsen an. "Das ist wie die Liebeserklärung einer wunderschönen Frau. Ich fühle mich durch diese Zuneigung geadelt."

Taubes Ohr

Was bleibt Rapid nach dreieinhalb Jahren Hickersberger? "Der 31. Meistertitel", meinte Präsident Rudolf Edlinger. Als bekannt wurde, dass der Trainer zum ÖFB wechselt, "habe ich keine Sekunde überlegt, das Vertragsverhältnis sofort zu lösen. Auf diesem Ohr war ich taub. Er hätte es als Kränkung empfunden".

Die Kicker lobten die fachlichen wie menschlichen Qualitäten des Scheidenden, Ivanschitz sagte, Muhammet Akagündüz bestätigte: "Der beste Trainer, den ich je hatte. Gut, dass er beim Team ist. Insofern ist Wehmut unnötig."

Diese depperte Sentimentalität. Hickersberger wird einiges vermissen: "Die Zuneigung der Fans. Die Atmosphäre im St. Hanappi. Und die Spieler, bei denen ich mich bedanke." Wobei die vergangenen drei Monate "mich mehr geschlaucht haben als die Jahre davor." Er habe die Situation unterschätzt. "Man sieht es an den unbefriedigenden Resultaten. Nach dem Titel war der Teamgeist weg, der Umgang mit dem Erfolg war nicht ideal. Der eine oder andere hat nur auf sich selbst geschaut." Trotzdem hinterlasse er Zellhofer "keinen Trümmerhaufen. Ein Abgang von Hofmann ist schlimmer als meiner. Für mich war die Zeit reif. Es ist zu kalt, um täglich auf dem Platz zu stehen."

Zwei Partien hat er noch vor sich. Am Mittwoch in der Champions League gegen Juventus. "Objektiv betrachtet sind die ein bisserl besser als Pasching." Edlinger wird Hickersberger im Happel-Stadion offiziell verabschieden (vermutlich kriegt er ein Leiberl mit seinem Namen drauf). Die letzte Reise führt dann nach Salzburg, zum Meisterschaftsspiel am Samstag.

Das St. Hanappi mutierte in dieser Saison wieder zum gewöhnlichen Hanappi. "Eine Niederlage gegen Pasching hätte ich kaum überlebt. Ich danke den Spielern für die Hingabe." Also durfte er zum Abschluss im St. Hanappi sein. "Mein vorläufiger Abschied. Ich sage bewusst vorläufig." Auch wegen dieser "depperten Sentimentalität". (Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE 5.12. 2005)

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