Mit einer Hand voll Dollar

3. Dezember 2005, 12:33
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EntwicklungshelferInnen und ÖkonomInnen betrachten den Zugang zu Krediten als Schlüssel zur Armutsbekämpfung

Im Spiegel der internationalen Medien waren in diesem Jahr der G-8-Gipfel in Gleneagles, wo Milliardenhilfe für die ärmsten Länder beschlossen wurde, und die Live-8-Konzerte von Bob Geldof, Bono & Co die Ereignisse, aus denen Afrika am meisten Hoffnung schöpfen konnte. Aber für viele Experten in der Entwicklungszusammenarbeit war das von UNO-Generalsekretär Kofi Annan ausgerufene "Jahr der Mikrokredite" viel bedeutender. Der einstige Geheimtipp unter den entwicklungspolitischen Instrumenten ist zum heißesten Thema in der Armutsbekämpfung geworden.

Die Idee der Förderung von Kleinstkrediten geht auf den Ökonomen Muhammad Yussuf zurück der 1974 in einem Dorf in seiner Heimat Bangladesch auf Frauen stieß, die Bambushocker herstellten, aber kaum etwas verdienten, weil sie dem Bambusverkäufer horrende Zinsen abliefern mussten. Yussuf gründete die Grameen Bank, um solchen Menschen 50 oder 100 Dollar zu leihen. Heute betreibt die Bank mehr als tausend Zweigstellen mit 2,1 Mio. Kunden.

Das Grameen-Modell machte weltweit Schule. Ganze Netzwerke von Mikrobanken sind in aller Welt entstanden - darunter Opportunity International, Finca, Accion und Women's World Banking. Auch die österreichische Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) unterstützt mehrere Mikrokredit-Projekte in Uganda, El Salvador, Nicaragua und Bosnien.

Die meisten dieser Banken betrachten sich als wohltätige Organisationen und vergeben Kredite oft nur kollektiv an Gruppen, deren Mitglieder untereinander auf die Zahlungsmoral achten. Über die Jahre haben sich viele Institute - so wie ProCredit - in kommerzielle Unternehmungen verwandelt. Der Gedanke dahinter: Mikrokredite sollen Abhängigkeiten verringern und Menschen die Chance geben, selbst für ihr Einkommen zu sorgen. Dazu gehört es, dass sich die Kreditgeber selbst tragen können.

Grenzen

Dort, wo das Modell erfolgreich ist, stoßen auch die Kollektivkredite an ihre Grenzen, weil sie den einzelnen Unternehmern zu wenig Chance für Wachstum geben. In Ländern wie Bolivien sind Mikrobanken inzwischen schon größer als die traditionellen Geschäftsbanken. Und je mehr dieser Sektor wächst, desto interessanter wird er für internationale Großbanken. Vor allem die amerikanische Citigroup hat Mikrokredite als Hoffnungsmarkt entdeckt.

Dem hohen Personalaufwand für eine sorgfältige Kreditanalyse stehen sehr hohe Rückzahlungsraten gegenüber. 98 bis 99 Prozent der Mikrokreditnehmer zahlen die Gelder brav zurück. Manche Experten zweifeln an diesen Zahlen und vermuten, dass viele Institute faule Kredite verstecken, um den Mythos der Mikrokredite nicht zu zerstören. Die hohen Verluste des Sektors in manchen Ländern deuten darauf hin.

Die kritische Rolle von Kredit für arme Menschen wird auch von immer mehr ÖkonomInnen anerkannt. Einer von ihnen ist der Peruaner Hernando de Soto. Der Leiter des Instituts für Freiheit und Demokratie (ILD) argumentiert im Buch Freiheit für das Kapital (Rowohlt 2002), die größte Hürde für wirtschaftliche Entwicklung seien die unklaren Eigentumsrechte in vielen Ländern - vor allem bei Grund und Boden. Erst wenn die Bewohner der Favelas ihr verstecktes Vermögen, vor allem die selbst gebauten Häuser, als Kreditsicherheiten einsetzen könnten, würden sie der Armut entkommen. (DER STANDARD, Album, 3./4.12.2005)

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