Das französische Spurenelement

13. Dezember 2005, 13:59
2 Postings

Ein königlicher Skiberg ohne Pisten: La Grave bietet freie Hänge für freie Skifahrer

Liberté, die erste Losung der französischen Revolution, ist für Schneesüchtige in La Grave nahezu verwirklicht. Denn hier walzt keine Schneeraupe irgendwelche Abfahrten platt. Nirgendwo stehen Skikursgruppen im Weg herum. "Wir kopieren keine anderen Skiorte, wir existieren, weil wir anders sind. Wir bieten Gebirgsski", erläutert Bertrand, der für das Tourismusbüro arbeitet. Auch dank dieser Philosophie ist La Grave das Dorado für Variantenfahrer - oder neudeutsch: Freerider. La Grave, ein kleines französisches Bergdorf knapp zwei Autostunden von Grenoble entfernt, gelegen auf 1450 Meter zwischen den bekannten französischen Skistationen Brian¸con und L'Alpe d'Huez.

Kurz vor neun Uhr stehen wir mit Peter, unserem Bergführer, am Télépherique de Vallons de La Meije, der einzigen, sehr altertümlichen Sechs-Personen-Gondel, die dieses außergewöhnliche Skigelände erschließt. Äußerst gemächlich schaukelt sie maximal 450 Menschen pro Stunde von 1450 auf 3200 Meter. Die letzten 350 Höhenmeter zum Gletscher Dôme de Lauze hinauf bewältigen wir mit zwei kurzen Schleppliften, genießen dann bei strahlendem Sonnenschein den grandiosen Rundblick. Ohne Ende unberührte Abfahrten.

Alaskaersatz

Deswegen hat Bill aus Alaska hier sein Glück gefunden. Er hat La Grave zu seinem zweiten Zuhause gemacht und ein Ein-Zimmer-Apartment erstanden in diesem 800-Einwohner-Nest. Seit 18 Jahren kommt er spätestens in der ersten Jännerwoche nach La Grave, bleibt bis Ende April und fährt Ski sowie Snowboard. Und Bill, der im Sommer in Alaska vom Fischen lebt, zählt zu den besten Kennern dieses gewaltigen Berges, den sie hier "La Reine" nennen - die Königin. "Du kannst in steilen Couloirs den Nervenkitzel suchen, in lange Pulverfelder eintauchen, auf griffigem Schnee und breiten Abfahrten locker carven oder zwischen Lärchen herumhüpfen", erzählt er. Und philosophiert weiter: "Dieser Berg ist so verdammt vielseitig. Er ist steil, oft ist er wild und manchmal ist er ganz sanft. Du musst ihn einfach lieben."

Sein steiles, wildes Gesicht offenbart uns La Grave bereits am nächsten Tag. Peter hat für uns eine Variante ins drei Kilometer entfernte Fréaux ausgewählt: eine Abfahrt mit 2100 Höhenmeter Differenz, dabei müssen wir auch in Rinnen unsere Skikünste beweisen. Allein beim Einstieg in den Couloir Fréaux stockt uns der Atem: fast 40 Grad steil, dazu auf den ersten 50 Metern der insgesamt 900 Höhenmeter langen Rinne nur vier Meter Spielraum zwischen den Felsen. Im Treppenschritt kämpfen wir uns zunächst hinunter. Dann gelingt es Gerhard, kurze Schwünge in den Schnee zu zirkeln. Ein Umspringen mit sofortigem Stopp, denn jeder Sturz könnte auch jetzt noch lebensgefährlich werden. Im Ausläufer erwartet uns ein längerer Spezialslalom durch den dichten Lärchenwald. Völlig ausgepumpt kommen alle im Dorf Fréaux an, nun ist uns der Unterschied zu anderen Skigebieten klarer: Nicht der Mensch, sondern der Berg bestimmt, wo es langgeht.

Ansonsten reglementiert niemand in La Grave Skifahrer oder Snowboarder, es gibt keine Verbote oder Vorschriften. "Wir informieren täglich über Lawinenwarnstufen. Aber wir setzen auf Eigenverantwortung und fahren mit dieser Politik sehr gut", erklärt Bertrand. Freie Hänge für freie Skifahrer. Über einen weiteren Vorzug klärt uns Patiss, ein lokaler Hero und Snowboarder, auf: "Wenn es hier schneit, kannst du zwei bis drei Tage frische Spuren in den Pulverschnee ziehen. Es ist nicht wie z.B. in Chamonix in zwei Stunden alles durchpflügt."

Abseilen ins Café

Kein Stress, kein Kampf um die besten Startplätze wie anderswo. Zudem strahlen Dorf und Einwohner permanent Ruhe aus. Wer tagsüber an der Hauptstraße schlendert, dort für einen Drink in einem Café verweilt oder sich in der "Fromagerie de la Montagne" mit regionalen Käse- und Wurstspezialitäten eindeckt, wird die Gelassenheit der Menschen spüren und schätzen.

Am Schlusstag reicht Peter uns ein Bonbon. Vom Dôme de Lauze schwingen wir in 3550 Meter Höhe völlig entspannt auf breiten flachen Hängen den Gletscher hinab, dann wird es steiler und schmaler. Abrupt endet die Abfahrt, nur noch Felsenwände, der nächsten Hang fast 30 Meter unter uns. Bleibt eine einzige Möglichkeit: abseilen. Peter hat am Morgen jeden Einzelnen mit Klettergurt und Haken präpariert. Die Skier werden auf die Rucksäcke geschnallt, dann lässt Peter alle nacheinander den Felsen hinunter. Kein schönes Gefühl, wenn man mit Skischuhen am glatten Stein abrutscht. Hernach schwingen wir zur Belohnung in der 40 Grad steilen und 500 Höhenmeter langen Rinne. Schweißnass und stolz erreichen wir wieder einmal Fréaux, klatschen uns ab. Das Abenteuer mit Ski, Seil und Haken ist bestanden.

"Eine Spezialität von La Grave. Die Kombination Skifahren plus Abseilen erschließt noch einmal eine andere Dimension", sagt Stefan Neuhauser, ein deutscher Bergführer, der seit einigen Jahren unweit von La Grave lebt. "Wer sich in diesem weiten, riesigen Gelände nicht richtig auskennt, sollte niemals irgendwelchen Spuren folgen", doziert Neuhauser weiter. Ein weiser Ratschlag. Denn schon einige haben hier eine Nacht bibbernd über einem Felsen verbracht und mussten am nächsten Tag Höhenmeter für Höhenmeter wieder aufsteigen. "Viele neue Gäste nehmen sich an den ersten Tagen einen Bergführer, schlagen sich dann selbst durch", sagt Bertrand. Wer Experten-Tipps möchte, begibt sich zum Après-Ski einfach an die Bar des Hotels Castillan oder schaut im Café Les Glaciers vorbei. Viele La-Grave-Insider trinken hier ihr Bier und geben gerne Empfehlungen für reizvolle Routen. (Der Standard, Printausgabe 3./4.12.2005)

Von Michael Hirsack

Die Alpinschule Allgäu hat geführte Variantenfahrten in La Grave seit vielen Jahren im Programm: Professionelle Führung am Berg und sechs Nächte im Doppelzimmer mit Halbpension sind ab 835 € bei 4-8 Teilnehmern zu haben.
Telefon: +49 (0) 8387/990 32
Alpinschule Allgäu
La Grave
  • Artikelbild
    foto: tourismus la grave
Share if you care.