Das eigene und das fremde Leben

9. Dezember 2005, 12:43
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Paula Fox über Hoffnung und verlorene Paradiese: "Luisa"

Von Anfang an steht das Mädchen Luisa zwischen den Welten. Auf ihrer winzigen karibischen Heimatinsel San Pedro nimmt sie eine besondere Stellung zwischen Herrenhaus und Dienerhütte ein. Ihre Mutter arbeitet in der Küche der Plantagenbesitzerin, und sie bekommt ihr Kind vom Sohn der Herrin. Es ist eine Mesalliance, die beide Partner unglücklich machen wird.

Was Paula Fox mit unnachahmlicher Präzision und Leichtigkeit entwirft, ist das Porträt einer Frau, die ein Leben führt, das nicht ihr eigenes ist. Luisas Geschichte ist deshalb so packend, weil es nicht um Anklage und Sozialkritik geht, sondern um einen scheinbar schwachen, aber in Wahrheit starken Charakter

Lange muss das Mädchen ums Überleben kämpfen. Als der Vater beschließt, die unsicheren politischen Zustände der Insel hinter sich zu lassen und nach New York zu emigrieren, gerät die kleine Familie mitten in die Weltwirtschaftskrise. Die Mutter ist in der fremden Umgebung hilflos. Luisa muss früh eigens Geld verdienen und tut, was auch ihre Mutter gemacht hat, sie arbeitet als Haushaltshilfe bei reichen Leuten. Die Chance, mittels Heirat selbst zu den Begüterten zu gehören, verwirft sie. Luisa zieht ihren Sohn allein auf und wird Zeugin der Dramen in fremden Haushalten. Ihr Platz ist nie wirklich definiert. Ist sie einfach die Putzfrau, ist sie die Vertraute, eine Freundin oder eine austauschbare Figur, die man bezahlt und fortschickt? Das eigene Leben verschwindet vollkommen, Luisa wird von Fremden bestimmt. Es ist dieser Zwiespalt, aus dem diese oberflächlich so ereignislose Biografie ihre Spannung bezieht. Der Roman, der vor zwanzig Jahren geschrieben wurde und bruchstückhafte Erinnerungen aus dem Leben der Autorin enthält, handelt auch von Hoffnung und Enttäuschung. Luisas Traum, an den Ort ihrer glücklichen Kindheit zurückzukehren, endet mit Ernüchterung. Paula Fox' Romane sind leise Meisterwerke, ein wunderbarer, tröstlicher Kontrast zu den ausgerufenen Moden und wahrlich wert, dass eine Übersetzerin wie Alissa Walser sich ihrer annimmt. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.12.2005)

Von Ingeborg Sperl
  • Paula Fox, Luisa. Deutsch: Alissa Walser. € 23,60/439 Seiten. C.H.Beck, München 2005.
    buchcover: c.h.beck

    Paula Fox, Luisa. Deutsch: Alissa Walser. € 23,60/439 Seiten. C.H.Beck, München 2005.

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