Ja zur Splitterexistenz

3. Dezember 2005, 13:00
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Harald Schmidt tastet sich an literarisches Schreiben heran: "Mulatten in gelben Sesseln"

Den ersten Teil seiner Lebensbeichte will Harald Schmidt geschrieben haben. Echt? Den Titel Mulatten in gelben Sesseln hat er sich laut eigenem Bekunden jedoch bei Julien Green geborgt. Der Untertitel "Tagebücher 1945-52" kann die angeblich autobiografische Natur des Bandes auch nicht so recht stützen, schließlich wurde Schmidt erst 1957 geboren. Und die propagierte Startauflage von 1,5 Millionen stammt sowieso aus dem Reich der Fiktionen.

Alles nur geklaut und erlogen: Wer wirklich etwas über den sprachgewandten Entertainer aus dem Schwabenland erfahren will, der ist bei Mulatten in gelben Sesseln, dessen jüngstem KiWi-Bändchen, definitiv an der falschen Adresse. Wer aber mitverfolgen möchte, wie sich Schmidt an literarischem Schreiben versucht, sollte einen Blick in diese Mogelpackung riskieren. Neben den jährlich in Buchform gesammelten "Focus"-Kolumnen Schmidts finden sich im ersten Teil des Werkes als Bonus Track vorab nämlich einige lose miteinander verknüpfte Prosaminiaturen, die durchaus bemerkenswert sind.

Mit seiner assoziativen, das autonome Subjekt klar verneinden Schreibe erweist sich der Autor darin als unzeitgemäßer Apologet der Postmoderne. Die mag zwar laut vorherrschender Feuilleton-Meinung so was von over sein, doch nach fünf Jahren im Zeichen eines leichten, realistischen, um Wahrhaftigkeit bemüht Erzählens bekommt man langsam wieder Lust auf das Gegenteil: Künstlichkeit jetzt! Das findet auch Schmidt, der sich in seinen Texten neben den Dreißigerjahren ("Schon '34 auf Hitler geschimpft, das wird noch der Renner") vor allem auf die Sechziger und Siebziger konzentriert. Man erfährt, dass er sich mit Brando überworfen hat, mit dessen Nachbar Jack Nicholson aber immer noch dick ist und als Deutscher in Hollywood keine Probleme damit hatte, Nazi-Rollen zu übernehmen.

Noch mehr als zum Film zieht es Schmidt jedoch zur Welt der Literatur. Er verschlingt in einer Stunde, "jene Werke, die Susan Sontag als ,in die Außenbezirke der Haupttradition des Romans' gehörend bezeichnet hatte" (Candide, Tristram Shandy, etc.), trifft in Paris André Gide und veröffentlicht eine "Rückübersetzung des Ulysses ins französische Original".

Bei allem gedanklichen und sprachlichen Slapstick, der streckenweise nicht von ungefähr an die Bücher von Schmidts Humor- und Verlagskollegen Helge Schneider erinnert, schimmert zwischen den Zeilen durch, dass der gute Mann insgeheim schon gern große Literatur schreiben würde. Mulatten in gelben Sesseln ist erst die Vorstufe der Vorstufe dazu, und dennoch 98 Prozent der belletristischen Neuerscheinungen vorzuziehen. Vielleicht braucht es ja gar keinen Schmidt-Roman. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.12.2005)

Von Sebastian Fasthuber
  • Harald Schmidt:Mulatten in gelben Sesseln. Die Tagebücher 1945-52. 
€ 9,20/246 Seiten. KiWi, Köln 2005.
    buchcover: kiwi

    Harald Schmidt:
    Mulatten in gelben Sesseln. Die Tagebücher 1945-52. € 9,20/246 Seiten. KiWi, Köln 2005.

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