Sind die Grünen alt geworden?

6. März 2006, 13:25
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Oppositionspolitik und Sklerose - Ein Kommentar der anderen von Marie Ringler und Thomas Waitz

"Sind die Grünen noch zu retten?", fragte Othmar Pruckner vor Kurzem an dieser Stelle. Zwei JungfunktionärInnen antworten mit klarem "Ja, aber ...".

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In ihrer Entstehungszeit standen die Grünen für Veränderung und Visionen. Die Grünen waren der politische Ausdruck der erwachsen gewordenen 68er-Generation, die politische Speerspitze vieler Bewegungen dieser Zeit. Wir haben einige Anliegen dieser Bewegungen auch faktisch in das verkrustete österreichische Politsystem einbringen können und so als kleine Partei viel erreicht. Wir waren am Puls der Zeit!

Und heute? Sind die Grünen heute noch am Puls? Wissen wir noch, was die Bürger/ innen bewegt? Was die Communities benötigen? Wie junge Menschen leben?

Draht zu den Jungen

Wir meinen, die Grünen laufen Gefahr, den Draht zu den Jungen zu verlieren. Längst brauchen uns die neuen politischen Bewegungen des 21. Jahrhunderts nicht mehr. Politik wird in Österreich von der 50+-Generation gemacht, und bei den Grünen ist es nicht anders. Auch wenn der Altersdurchschnitt unserer Landtagsabgeordneten bei vergleichsweise jugendlichen 46 Jahren liegt. Zu viele unserer ehemals frischen und dynamischen Polit-Ikonen sind in die Jahre gekommen und ergraut, und es liegt in der Natur der Sache, dass ihr Blickwinkel nun eben der ihrer eigenen Generation ist.

Wundert es uns angesichts fehlender Repräsentation junger Menschen und Lebenswelten, dass die Grünen unter den Jungen bei den Wahlen mittlerweile messbar abbauen statt zuzulegen? Und woher kommt es nur – das Desinteresse an Politik im allgemeinen, das in den letzten Jahren so heftig beklagt wurde? Die ganze politische Klasse ist darüber empört. Trauert den angeblich guten alten Zeiten nach und schiebt den politischen Konkurrenten die Schuld in die Schuh. Und weiß ganz tief im Innern, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Dass die zunehmende Kluft zwischen der Politik und ihren "Subjekten" viel mehr mit dem Realitätsverlust der politischen Eliten zu tun hat und ihrer Politik für eine Welt, die es nicht mehr gibt.

Nicht verinnerlicht

Ja. Auch die Elite der Grünen hat die sozialen und kulturellen Realitäten des 21. Jahrhunderts noch nicht so recht verinnerlicht. Wir fragen uns: Welche Nationalratsabgeordneten kennen Gustav, Chicks on Speed oder Two Step? Oder wissen, was Sie mit City of Heroes (www.cityofheroes.com), Halo2 und den Sims machen würden? Oder haben schon mal selbst in Wikipedia (http://de.wikipedia.org) nachgesehen? Wir glauben: leider viel zu wenige.

Das liegt wohl daran, dass es sich bei diesen Dingen um Musik, Computerspiele und die kollektiv verfasste Online-Variante des guten alten Brockhaus handelt. Also um soziale Praxen einer jungen Generation, die aber in unserer Gesellschaft kaum politische Repräsentation finden.

Fragmentierte Generationen

Können wir es der Politik übel nehmen, dass sie nichts mehr mitkriegt von den neuen Wirklichkeiten? Von den neuen Generationen, deren Welten so stark fragmentiert sind, dass selbst Hollywood sie nur noch mehr schlecht als recht zusammenhalten kann? Die in Familienstrukturen leben, in denen man auch ohne Sex zu Kindern kommt, und wo es zwei Papas und keine Mama gibt? Von einer Welt, in der Menschen im Durchschnitt alle zwei Jahre ihren Job wechseln, wo Herkunftsort und Lebensmittelpunkt nur noch in den seltensten Fällen eins sind? Von einer Gesellschaft, die voller Risiko ist (am meisten für Frauen und Alleinerzieher/innen), und in der – als sichtbares Zeichen der Perspektivlosigkeit vieler – 70.000 junge Menschen arbeitslos sind?

Ja, wir können. Wir können es ihnen übel nehmen, dass die Eliten unseres Landes Politik von vorgestern machen. Denn diese Welten liegen vor ihrer Haustür, in Österreich. Nur, und das ist unser großes "Aber". Wir wissen auch: Die Einzigen, die überhaupt noch flexibel genug im Kopf sind, um diese neuen Welten wahrzunehmen und Antworten auf die neuen Fragen zu finden (Stichworte: Grundsicherung, vernetzte Forschungsstrategien, Förderung eines Bildungssystems, das Multilingualität nicht als Bedrohung sieht . . .), sind immer noch die Grünen. Wenn, ja wenn sie es schaffen, erstens das Generationenproblem in den Griff zu kriegen und zweitens den Blick für das 21. Jahrhundert zu schärfen. Zum Beispiel indem wir sinnvolle Betätigungsmöglichkeiten auch in der zweiten Reihe für die ehrenwerten älteren Damen und Herren der so genannten "Gründergeneration" schaffen und damit Möglichkeiten der Mitgestaltung auch für Jüngere eröffnen.

Zurück in die zweite Reihe

Wie geht das? Wohl nur mit einem Kulturwandel, der nicht ganz einfach ist. Ein paar Menschen müssen wohl oder übel in die zweite Reihe zurücktreten. Junge in der Partei, da geben wir Othmar Pruckner völlig Recht, müssen konkret gefördert und unterstützt werden. Wir trauen diese Innovations- und Erneuerungskraft den Grünen zu, beweisen müssen sie's aber erst. (DER STANDARD, Printausgabe 3./4.12.2005)

Zur Person
Marie Ringler und Thomas Waitz initiierten vor einigen Monaten die "Plattform Junge Grüne".

  • Artikelbild
    grafik: standard
  • Marie Ringler (30) ist Landtagsabgeordnete in Wien.
    foto: heribert corn

    Marie Ringler (30) ist Landtagsabgeordnete in Wien.

  • Thomas Waitz (32) ist stellvertretender Obmann 
der Grünen Bäuerinnen und 
Bauern Österreich und Grün- 
Funktionär in der Steiermark.
    foto: junge grüne

    Thomas Waitz (32) ist stellvertretender Obmann der Grünen Bäuerinnen und Bauern Österreich und Grün- Funktionär in der Steiermark.

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