Völker, spielt die Konsole!

9. Dezember 2005, 13:27
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Die herrlichen britischen Rüpelrocker "Art Brut" verweigerten sich bei der exklusiven Präsenta­tion einer Spielkon­sole, so wie es der Rock'n'Roll vorschreibt: Rebellion als Kaufanreiz

Wien - Über würdeloses Altern und warum es ein wenig an den Comics-Verkäufer in Die Simpsons erinnert, wenn eine Hundertschaft erwachsener Männer gekrümmt an 500 Euro teuren Spielkonsolen steht und dort Bleifuß mit 160 km/h simuliert: ein anderes Mal. Bei Vollmond mit dem Auto über den Wiener Gürtel im wirklichen Leben sollte eigentlich als Kick, lieber verrosten als ausbrennen zu wollen, genug sein.

Bei der Präsentation einer neuesten Computerspiel-Sensation im Wiener Museum für Angewandte Kunst jedenfalls, nennen wir sie umgangssprachlich: "Xbox 360 Launch-Event!", kamen vor deswegen an die Bildschirme gefesseltem Fachpublikum nicht nur die gastronomischen Verlockungen zu kurz. Gibt es etwas Traurigeres als die Augen eines Koches, von dem niemand ein zähes Wiener Hühner- oder Hühner-Wienerschnitzel will?

Auch eine von Telekommunikations- und Unterhaltungselektronik-Konzernen heutzutage obligat für solche Veranstaltungen zwecks noch drastischerer Erhöhung des Coolness-Faktors eingekaufte, bei der Weltjugend nicht nur wegen ihrer Lautstärke geradezu schreiend angesagte Rockmusikband vermochte nur wenig Aufsehen zu erregen. Und wenn doch, dann animierte sie unter dem Motto "Etwas Besseres als den Tod finden wir dort allemal!" zur erneuten Flucht an die Konsole.

Dabei sind Eddie Argos und seine Londoner Partie Art Brut derzeit so ziemlich die beste Partyband, die man sich unter regulären Spielbedingungen vorstellen könnte. Der sympathische Biertrinker mit dem dazugehörigen Fischbäuchlein führt auf dem heurigen Debütalbum Bang Bang Rock & Roll wie auch unbeeindruckt von den äußeren Umständen live in der Mitte zwischen Pub- und Punkrock vor, was die zeitlose Kraft von Rock'n'Roll ausmacht:

Rebellion bei gleichzeitigem Systemerhalt. Verweigerung als Kaufanreiz. Das, bitte, funktioniert seit ewig - und es klingt, in jeder musikalischen Generation wieder neu erfunden, selbstverständlich noch immer fantastisch.

Im Hintergrund strampft sich die vierköpfige Begleitband also hübsch gelangweilt und wegen der heutigen Umstände noch einmal extra angewidert dreinblickend durch einfach gestrickte Hadern wie Formed A Band oder die Impotenz-Hymne Rusted Guns Of Milan. Und vorne und zwischendurch auch mitten im eher sehr ausweichenden Publikum deklamiert der begnadete Zyniker Eddie Argos mit zartem Cockneyakzent und im an einen gut gelaunten Mark E. Smith von den altehrwürdigen britischen Punk-Nihilisten The Fall erinnernden Sprechgesang darüber, dass er Computerspiele eigentlich abgrundtief hasst.

Der gute Junge! Das musste kommen! Man ist denen wegen viel Geld schließlich nicht nur einen Auftritt schuldig, sondern sich selbst auch noch etwas. Restwürde und so. Ein altes Showbiz-Motto lautet: Ja, ich habe es getan - aber alle haben gesehen, dass ich es nicht gern getan habe!

Vor 20 Jahren noch hätte eine Band wegen solcher Geschäfte mit der bösen Industrie Image-mäßig einpacken können. Heute gehört das dazu wie der Volkswagen zu den Rolling Stones oder T-Mobile zu Robbie Williams. (DER STANDARD, Printausgabe, 03./04.12.2005)

Von Christian Schachinger


Art Brut regulär in Wien: am 13. 1. 2006 im Flex.
  • Eddie Argos und seine Londoner Band "Art Brut" im Wiener Museum für Angewandte Kunst. Kunst kommt von: wie die Faust aufs Auge.
    foto: fischer

    Eddie Argos und seine Londoner Band "Art Brut" im Wiener Museum für Angewandte Kunst. Kunst kommt von: wie die Faust aufs Auge.

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