Geistesblitz: Multimedial über die historische Autobahn

3. Dezember 2005, 11:00
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Historiker Oliver Rathkolb befasst sich mit europäischer Geschichte und Öffentlichkeit

Ins Waldviertel fährt Oliver Rathkolb nur zur Sommerfrische. 1955 in Wien geboren, aufgewachsen in Litschau, pendelte er acht Jahre lang frühmorgens entlang des Eisernen Vorhangs zur Schule nach Gmünd. Das machte ihn zum Morgenmenschen und regte zum Nachdenken über politisch relevante, grenzüberschreitende Geschichte an. Mit "Europäischer Geschichte und Öffentlichkeit" beschäftigt er sich heute als Leiter des gleichnamigen Ludwig-Boltzmann-Instituts.

Um das Forschungsgebiet Kultur-, Demokratie- und Medienstudien abdecken zu können, ist es mit Wissenschaftern in Zürich, Basel, Gießen und Florenz vernetzt, was dem Teamarbeiter Rathkolb entgegenkommt. Er analysiert Geschichtsbilder in Europa, deren Bedeutung er so illustriert: "Geschichte beeinflusst in Form historisch-kultureller Erfahrungen politisches Handeln, öffentlichen Diskurs und sogar wirtschaftliche Entscheidungen bis in die Gegenwart." Ihre Lesart unterscheidet sich seiner Erfahrung nach von Land zu Land erheblich.

Mit dem Projekt "History-Highways" will er verschiedene Narrative gemeinsamer europäischer Themen - etwa "Migration und Vertreibung" - analysieren. Entlang der Spuren einer Autobahn durch die europäische Geschichte sollen Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Kreuzungspunkte aufgezeigt werden. Rathkolb irritiert schon lange, "dass sich die Österreicher in Umfragen mit den Engländern darum prügeln, wer Europa mehr hasst. Dabei gehören wir zu den Profiteuren der europäischen Integration."

Die History-Highways werden im Internet visualisiert, wie das auch beim von Rathkolb mitbegründeten Demokratiezentrum Wien der Fall ist. So können Inhalte weiterwachsen, zeitgemäß und vielsprachig vermittelt werden. Das Demokratiezentrum Wien bleibt auf der Vermittlungsschiene und ist Sitz des neuen Boltzmann-Instituts, mit welchem Rathkolb die Forschungsschiene übernimmt. Der Multitaskingarbeiter fuhr immer "zweigleisig": Neben dem Vernunftstudium Jus gönnte er sich Geschichte. Nach dessen Abschluss arbeitete er mit Erika Weinzierl halbtags an deren Ludwig-Boltzmann-Institut. Die andere Tageshälfte absolvierte Rathkolb ein "zweites Geschichtestudium" bei Bruno Kreisky. Die Mitarbeit an dessen Memoiren nennt er eine "Viechsarbeit", aber "total interessant". Von 1985 bis 2003 leitete er das Bruno-Kreisky-Archiv und forschte parallel an mehreren Projekten zu NS-Perzeptionsgeschichte, Restitution und Benes-Dekreten, unterrichtete auch in den USA. In seiner Heimat kam er nie in die Nähe eines pragmatisierten Uni-Postens.

Der Vielarbeiter nimmt es gelassen, beantwortet E-Mails im Morgengrauen und entspannt sich in der spärlichen Freizeit mit seiner Frau und den zwei Kindern. Über seine Beschäftigung mit unangenehmen Aspekten der Zeitgeschichte sagt er: "Vielleicht bin ich ein Postpostpost-Aufklärer, der noch immer glaubt, dass Geschichte etwas bewegen und verändern soll. Das kann sie nur, wenn sie dort ansetzt, wo es Blockaden gibt." (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 12. 2005)

  • Artikelbild
    illustration: standard/oliver schopf
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