Brücken in ein besseres Leben

22. März 2007, 14:17
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Zur wirtschaftlichen Logik von Mikrofinanzen - Von Thomas Mohr

Im Kern der Mikrofinanzierung stehen Projekte zur Vergabe von Krediten an eine Zielgruppe, Gewerbetreibende oder Kleinbauern aus den unteren Gesellschaftsschichten, mit Ideen, aber ohne Geld oder den Zugang zu Banken.

Die Anfänge gehen auf die 70er-Jahre (siehe Artikel Mit einer Hand voll Dollar) zurück. Seither wurde eine beinahe unüberschaubare Vielfalt an Projekten auf der ganzen Welt initiiert. Die Konzentration auf die Zielgruppe ist in Einklang zu bringen mit der Kernproblematik jedes Kreditgeschäfts, nämlich, den Kreditnehmer zur Rückzahlung zu bewegen. Dies ist eine notwendige Bedingung für den Fortbestand der Finanzinstitution. Gerade die langfristige Orientierung ist es aber, die gute von schlechten Mikrokreditprogrammen unterscheidet.

Nur wenn ein Kreditnehmer davon ausgehen kann, dass der Kreditgeber in Zukunft auf dem Markt aktiv bleibt, hat er ein Interesse an der Rückzahlung. Andernfalls handelt es sich um ein Nullsummenspiel, jeder Taler, den er dem Gläubiger zahlt, geht ihm selbst auf immer verloren. Keine verlockende Perspektive also. Hat er eine berechtigte Hoffnung auf einen (möglicherweise höheren) Folgekredit, steigt die Bereitschaft zur Rückzahlung an - aus dem Nullsummenspiel wird ein Positivsummenspiel.

Ein Mikrokreditprogramm stellt immer einen Eingriff in ein bestehendes institutionelles Gefüge dar. So gibt es auf dem Agrarsektor in Entwicklungsländern eine verblüffende Vielzahl von Mechanismen, mit denen beispielsweise das Risiko eines Ernteausfalls auf unterschiedliche Parteien verteilt wird. Häufig steht dabei ein Kreditverhältnis im Mittelpunkt.

Das Auftreten eines Mikrokreditprogramms in Konkurrenz dazu führt im Extremfall zum Verschwinden einer solchen Institution. Daraus kann eine schlechtere Risikoteilung resultieren. Wird eine existierende Institution ersetzt, muss trotz der hier angesprochenen Problematik zumindest sichergestellt sein, dass die nachfolgende Institution längerfristig Bestand hat. Andernfalls drohen weitere Wohlfahrtsverluste in dem durch ihr Verschwinden verursachten Vakuum.

Glücklicherweise ist diese hier aufgezeigte Gefahr in der Realität gering, weil Mikrokredite hauptsächlich zulasten von Pfandleihern oder dem Schwarzmarkt gehen (mit einem Zinssatz von zehn Prozent im Monat, während der Zinssatz von Banken bei 1,5 Prozent liegt).

Zentral für das Mikrokreditgeschäft ist die Reduktion der Armut. Die Titel von Büchern zum Thema wie Microfinance and Poverty Alleviation oder Finance Against Poverty sprechen Bände. Ein vollständiges Verschwinden der gröbsten Armut darf aber nicht erwartet werden. Armut in Entwicklungsländern projiziert Bilder des Hungers vor unser geistiges Auge, erinnert an Flüchtlingslager und Naturkatastrophen. Von Mikrokrediten allein die Beseitigung all dieser Probleme zu erwarten, würde den Bogen überspannen und zum Scheitern einer sinnvollen Idee beitragen.

Der Kunde eines Mikrokreditprogramms muss die Fähigkeit und auch die Chance haben, selbst einen Weg aus seiner unbefriedigenden Lage zu erkennen. Nur dann kann ihm mit einem Mikrokredit geholfen werden. Er wird aber nicht immer zu den Ärmsten der Armen gehören. Das bedeutet nicht, dass zwischen einer Zielgruppenorientierung und der Erschaffung langfristig selbsttragender Finanzinstitutionen immer ein Widerspruch besteht. Sofern er aber im Einzelfall vorhanden ist, muss er zugunsten des Aufbaus der Institution gelöst werden. Der langfristige Schaden wäre andernfalls für das Finanzsystem zu groß.

Mikrofinanzierung ist ein Schritt für die betroffenen Länder hin zu wirtschaftlicher Normalität. Banken werden von kleinen Gewerbetreibenden als etwas Fremdes und Feindliches angesehen, vor der Kredit-, gar der Kontaktaufnahme liegen scheinbar unüberwindbare Gräben. Mikrokredite sind die Brücken.

Vor allem aber ist die Zielgruppe ein aktiver Teil der Gesellschaft, dem der Zugang zu Gewinn bringender Tätigkeit vereinfacht wird. Die dadurch aufkeimende Mittelschicht wird früher oder später auch verbesserte Bildungsmöglichkeiten, eine verbesserte gesundheitliche Versorgung und ganz allgemein einen besseren Zugang zu öffentlichen Gütern fordern (und auch finanzieren). Der Wille zu einer politischen Partizipation wird wachsen, denn wer etwas zu verlieren hat, möchte auch ein Recht auf Mitsprache. (DER STANDARD, ALBUM, 3./4.12.2005)

Zur Person

Thomas Mohr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Außenwirtschaftstheorie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und war als Mikrokreditberater in Banken in Kasachstan und der Ukraine tätig.
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