Jagd oder Sport? Halali mit Misstönen

9. Dezember 2005, 16:37
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Es gibt sie bestimmt: Die verantwortungsvollen Waidmänner, denen vor allem das ökologische Gleichgewicht am Herzen liegt - doch die anderen gibt's leider auch

Nicht alles und jedes eignet sich für den "freien Wettbewerb" - wie die Ereignisse rund um die "Europameisterschaft für Retrieverhunde" zeigen. Diese fand am 18. und 19. November im niederösterreichischen Würmla statt, und Aktivisten des Vereins gegen Tierfabriken (VgT) haben davon Befremdliches zu berichten. Darum ging's: Ein Retrieverhund hat die Aufgabe, bei der Jagd verletztes Wild dem Jäger zuzutragen - prinzipiell wäre das ja eine tierfreundliche Maßnahme, die nicht getöteten, aber angeschossenen Wildenten, Rebhühnern und anderen Vögeln längeres Leiden ersparen kann.

Ein Jagdhund sollte gut ausgebildet werden und seine Aufgabe erfüllen - problematisch wird die Sache allerdings, wenn die Hunde ihre Fähigkeiten "um die Wette" ausüben sollen.

Den Veranstaltern der Europameisterschaft stellte sich gleich zu Beginn des Bewerbs eine schwierige Aufgabe: Woher sollten sie die "Übungsbeute" für die Hunde nehmen? Attrappen oder bereits tote Vögel kamen für die begeisterten "Jagdsportler" offensichtlich nicht infrage - das österreichische Bundestierschutzgesetz verbietet aber das vorsätzliche Verletzen von Tieren und das Hetzen von Hunden auf verletzte Vögel. Die EM-Veranstalter meldeten deshalb kurzerhand eine Treibjagd auf Fasane an, denn die Jagd ist vom Bundestierschutzgesetz ausgenommen.

Die VgT-Rechercheure fanden allerdings in jenem Maisfeld, wo die Treibjagd auf das "Wild" stattfinden sollte, sechs Kisten mit je acht Zuchtfasanen vor. Die Vögel sollten speziell für die EM-Jagd freigelassen werden. Damit befanden sich die Veranstalter der Retriever-Europameisterschaft im klaren Widerspruch zum Jagdgesetz - dieses fordert nämlich, dass Zuchtfasane zumindest vier Wochen vor der Bejagung in Freiheit gesetzt werden.

Es gibt bestimmt viele Waidmänner und -frauen, die eine Jagd auf "Kistlfasane", die noch keinen Vogelfuß in die freie Wildbahn gesetzt haben und allein von der völlig unbekannten Umgebung in Verwirrung und Angst versetzt werden, ablehnen. Offenbar reicht ihr Einfluss in den Verbänden aber nicht aus, um "jagdsportliche Highlights" wie die Retriever-Europameisterschaft zu verhindern.

Giftzeug für Raubzeug

Auch die Vernichtung von "Raubzeug" ist ein problematischer Zweig der Jägerei: Damit mehr "jagdbares Wild" für die menschlichen Jäger zur Verfügung steht, stellt man den Beutegreifern in der Natur nach. Auch mit Gift - Letzteres wird zwar auch von den offiziellen Vertretern der Jägerschaft vehement abgelehnt, dennoch muss der WWF eben jetzt wieder vor Giftlegern warnen, die Köder für Greifvögel, Krähen, Füchse, Marder, aber auch für Haustiere wie Hunde und Katzen auslegen.

Erst dieses Frühjahr kam ein Kaiseradler - einer der seltensten Greifvögel - zu Tode, weil er einen Giftköder gefressen hatte. Vergiftete Fleischköder sind meist an einer blauvioletten Verfärbung zu erkennen; das Gift Carbuforan ist mit Giftschein legal erhältlich. Es führt zu Lähmungen und einem qualvollen Tod. Köder und Vergiftungsfälle von Wild- und Haustieren sollten übrigens an die Gifthotline des WWF Tel. 0676/ 444 66 12 gemeldet werden.

Ganz legal wird "Raubzeug" mit Fallen bekämpft - auch wenn sich darin immer wieder Haustiere fangen und diese ebenso wie Fuchs & Co. qualvoll zugrunde gehen oder extrem schmerzhaft verstümmelt werden.

Demnächst sollen auch Frischlinge in die Falle gehen: Weil es immer mehr Schwarzwild gibt, das Schäden in den landwirtschaftlichen Kulturen anrichtet, und die schlauen Wildschweine den Jägern so geschickt ausweichen, sollen in Niederösterreich nun Scheinwerfer die nächtliche Saujagd erfolgreicher machen. Licht nicht nur am Tag, sondern auch im Wald? Den herzig gestreiften Wildschweinkindern will man gar mit Fallen nachstellen. Edles Waidwerk oder Vernichtungsfeldzug?

Misstöne mischen sich in die idyllischen Jagdbläserkonzerte: St. Hubertus zu Ehren tönen die Jagdhörner - dass er als Heiliger der Jäger gilt, obwohl er keinen Hirsch totschoss, sondern den "König des Waldes" vor den Übergriffen einer Jagdgesellschaft schützte, ist nur eine Ungereimtheit im Jagduniversum.

Zeitgemäße Musik der härteren Gangart zum Thema Jagd bot übrigens die deutsche Band AJ-Gang bei ihrem Wien-Gig im November: Anti-Jagd-Gang lautet der Name ausgeschrieben, die neueste CD heißt "Meat is Murder", und unter www.aj-gang.de gibt's Tonproben und mehr Infos. (Andrea Dee/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3./4. 12. 2005)

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