Fernverbindung nach Warschau

4. Dezember 2005, 20:53
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Angela Merkel absolviert ihren Antrittsbesuch beim Nachbarn

"Lasst uns den Krieg mit den Deutschen beenden", appelliert Polens liberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza an die neue Regierung in Warschau. "Deutschland ist Polens engster Verbündeter in der Europäischen Union." Tatsächlich fuhr Kanzlerin Angela Merkel am Freitag in ein Land, dessen Politiker stolz darauf sind, vom heutigen Deutschland fast nichts zu wissen.

Dafür können sie Zitate von Nazigrößen wie dem Generalgouverneur Hans Frank im besetzten Polen fehlerfrei hersagen und Verlustzahlen aus dem Zweiten Weltkrieg auswendig herunterrattern. Für Polens politische Elite sind Deutsche nur noch eins: potenzielle Nazis. Vergessen ist nicht nur die "deutsch-polnische Interessengemeinschaft" von 1989, sondern auch, dass Deutschland dem Nachbarland beim Beitritt zur Nato und EU geholfen hat.

Angela Merkel müsste in Polen Klartext reden, wenn sie das deutsch-polnische Verhältnis tatsächlich verbessern will. Das deutsch-polnische Problem ist über die frühere Geringschätzung Polens durch die Deutschen und polnisches Misstrauen gegenüber den Deutschen zu einem gefährliches Konfliktherd in der EU angewachsen.

Pipeline durch Ostsee

So ist es in Polens Öffentlichkeit nicht mehr ungewöhnlich, deutsche Politiker mit Nazis zu vergleichen. Zuletzt musste der Vertragsabschluss über die Ostsee-Pipeline zwischen Ruhrgas und Gazprom dafür herhalten. Auf dem Titelbild eines polnischen Nachrichtenmagazins gaben sich der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin die Hand, wie es einst Hitler und Stalin getan hatten. "Der Pakt" stand als Titel über der Fotomontage. Ob die Angst vor einem neuen "Hitler-Stalin-Pakt" echt ist, ist schwer zu sagen. Lech Kaczynski meinte noch vor der Präsidentenwahl, dass er Deutschland und Russland für die gefährlichsten Länder hält, mit denen Polen zurzeit zu tun habe.

Die Angst vor den Deutschen hat viel mit dem Bund der Vertriebenen und seiner Vorsitzenden Erika Steinbach zu tun. Nicht nur das in Berlin geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" mit den Polen als Haupttätergruppe, sondern auch eine an Schärfe kaum zu überbietende Sprache verschreckten viele. Hinzu kamen Klagedrohungen der Vertriebenenorganisation "Preußische Treuhand".

Polens künftiger Präsident Lech Kaczynski hat nun ein 700-Seiten-Werk mit "Verlusten Warschaus 1939 bis 1945" vorgelegt. Er will Reparationsforderungen in zweistelliger Milliardenhöhe stellen, wenn ein Deutscher es wagen sollte, gegen Polen auf Rückgabe seines Eigentums zu klagen. Dabei weiß der Jurist sehr wohl, dass kein demokratischer Staat seinen Bürgern Privatklagen verbieten kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.12.2005)

Von Gabriele Lesser aus Warschau
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