Sölden-Unglück: Gericht prüft Flugroute

5. Dezember 2005, 12:11
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Trotz entlastenden Gutachtens könnte Pilot angeklagt werden - Aufsehen erregende Zeugenaussage hat wenig Bedeutung

Trotz des entlastenden Gutachtens könnte der Unglückspilot von Sölden angeklagt werden. Laut Gesetz muss er die Flugroute so wählen, dass keine Personen gefährdet werden können.

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Innsbruck/Sölden – Laut dem Gutachten des Ministeriums hat zwar ein technischer Defekt im Inneren des Steuerknüppels den folgenschweren Absturz der Hubschrauberfracht auf die Gondelbahn am Söldener Rettenbachferner verursacht, wodurch neun Gondelinsassen, darunter sechs Kinder, ums Leben kamen. Dennoch könnte sich der Pilot des Hubschraubers vor Gericht verantworten müssen. "Unsere Voruntersuchung wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen läuft weiter", sagt Wilfried Siegele, der Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft.

Berechtigung

Untersucht werde, inwieweit der Pilot berechtigt war, über die Seilbahn zu fliegen, während diese in Betrieb war. "Der Wortlaut des Gesetzes ist hier eindeutig", sagt der leitende Staatsanwalt Rudolf Koll dem STANDARD. "Der Pilot ist allein für die Flugroute und die Flugzeit verantwortlich. Und er darf nicht eine Flugroute wählen, bei der Menschen gefährdet werden könnten." Dennoch, so Koll, könne er derzeit nicht sagen, ob die Staatsanwaltschaft Anklage erheben werde. Man könne auch die Frage stellen, ob bei strenger Auslegung Transportflüge "überhaupt durchführbar sind".

Der Vorstand der Abteilung für Verkehrsrecht in der Tiroler Landesregierung, Hansjörg Constantini, ergänzt: Es gehe um die Sorgfaltsobliegenheiten eines Piloten. In der Luftverkehrsbetreiber-Verordnung sei klar festgehalten, dass bei Transportflügen eine herabfallende Last weder Personen noch Sachen gefährden dürfe.

Zeugenaussage hat wenig Bedeutung

Eher wenig Bedeutung hat für die Staatsanwaltschaft die Aufsehen erregende Zeugenaussage des Unfallopfers Harald Huber, der in einer Gondel direkt unterhalb der abgestürzten Kabine gesessen ist. Huber hat laut einem Bericht des Südwestfunk Baden-Baden ausgesagt, dass der Hubschrauber sehr tief geflogen sei und der Betonkübel noch am Transportseil hängend in das Seil der Gondelbahn gekracht sei. "Der Hubschrauber befand sich zehn bis zwölf Meter über der Bahn, aber niemals 150." Huber wurde beim Unfall aus seiner Gondel geschleudert und schwer verletzt und lag längere Zeit im künstlichen Koma.

Aussage nicht neu

Laut Staatsanwalt Koll sei diese Aussage nicht neu. Es spreche aber nach den Ermittlungen nichts dafür, dass der Pilot mit dem Kübel in das Seil geflogen sei. "Dieser Version widersprechen viele andere Zeugenaussagen." Zudem würden auch die Deformationen am herabgestürzten Kübel und am Seil einen solchen Schluss nicht zulassen. Hinterbliebene der Opfer wollen indes die Ötztaler Gletscherbahnen und die Knaus Helikopter auf Schadenersatz klagen. Denn, so deren Anwälte: Der Unfall wäre zu vermeiden gewesen, der Pilot habe die Schutzbestimmungen für Transportflüge mit Außenlasten missachtet. (bs, DER STANDARD Printausgabe 3/4.2005)

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