Sprache als emotionaler Schlüssel zum Kind

4. Dezember 2005, 19:53
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Ausbildungsmodul soll "Brücken bauen" - 21 Prozent der Vorarlberger Volksschulkinder sind nicht deutschsprachig

Bregenz – 21 Prozent der Vorarlberger Volksschulkinder sind nicht deutschsprachig. Für die meisten dieser knapp 4000 Mädchen und Buben ist Türkisch die Muttersprache. Sprachbarrieren erschweren die Kommunikation zwischen Lehrenden und Kindern.

Ausbildungsmodul soll "Brücken bauen"

An der Pädagogischen Akademie Feldkirch will man mit einem neuen Ausbildungsmodul "Brücken bauen" (Direktor Ivo Brunner). Im dritten Semester wird den angehenden Volksschullehrerinnen in ei 2. Spalte nem 16-stündigen Kurs Basiswissen über "Sprachliche und kulturelle Hintergründe der Migrantenkinder" durch eine türkisch-stämmige Professorin vermittelt.

Einblick in die Lebensumstände

Die Studierenden bekommen neben einer Einführung in die türkische Sprache auch einen Einblick in die Lebensumstände der Migrantenfamilien. Wer Hintergründe kenne, wie beispielsweise die hohe Analphabetenrate bei den Eltern, bringe mehr Verständnis für die Schwellenangst man 3. Spalte cher Eltern auf, sagt Direktor Brunner.

Von den Regierungsparteien VP und FP wird das neue Lehrangebot der Pädak skeptisch bis ablehnend bewertet. Integrations-Landesrat Erich Schwärzler (VP) meint dazu: "Unsere Sprache ist Deutsch." FP-Klubobmann Fritz Amann: "Der Grundstein für eine drastische Fehlentwicklung wird gelegt." Pädagogen und Integrationsexperten jedoch widersprechen der Politik vehement.

4. Spalte

Christian Kompatscher, Direktor der Hauptschule Rieden in Bregenz: "Diese Argumente sind einfach absurd. Basiswissen über Kultur und Sprache der Kinder hilft den Lehrern, die Schwierigkeiten ihrer Schüler besser zu verstehen." Der Pädak-Kurs ist für den Schulleiter – der Anteil der Migrantenkinder liegt an seiner Schule bei fast 50 Prozent – "erst ein Anfang, denn Schule muss sich endlich mit dem Thema Migration auseinander setzen". Nachsatz: "Aber unaufgeregt."

Hilfe bei Spracherwerb

Die Integrationsexpertin Eva Grabherr, Leiterin von "okay. zusammen leben", der Projektstelle für Zuwanderung und Integration, verweist auf die gängige sprachwissenschaftliche Forschung: "Die Anerkennung der Sprache, die Kinder in das staatliche Bildungssystem mitbringen, ist ein wichtiger emotionaler Schlüssel für das gute Erlernen der Zweitsprache dieser Kinder." Damit diene der Pädak-Kurs grundsätzlich dem Deutscherwerb der Kinder und der Integration. Denn Lehrer und Lehrerinnen, die Kinder in ihrer Sprache begrüßen können und deren Anliegen in Grundzügen verstehen, sind, sagt Grabherr, "wichtig für die Öffnung dieser Kinder für die neue Sprache und die damit verbundene Lebenswelt". (jub, DER STANDARD Printausgabe 3/4.12.2005)

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