Tsunami - auch für Europa eine "reale Bedrohung"

5. Dezember 2005, 09:30
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Forscher: Alle Küstenregionen sind bedroht

Wien - Was sich vor knapp einem Jahr in Südostasien ereignet hat, ist auch in Europa möglich. "Die Bedrohung durch einen Tsunami für Europa ist real - das zeigen Katastrophen aus der Vergangenheit", meint Reinhold Steinacker, Vorstand des Instituts für Meteorologie und Geophysik an der Universität Wien. Ein Beispiel sei die weitgehende Zerstörung Lissabons durch eine Flutwelle im Jahr 1755 mit 60.000 Opfern. In Europa seien alle Küstenregionen gefährdet. Mögliche Epizentren: Die Kanaren, Süditalien oder die Ägäis.

Im Binnenland Österreich besteht kein Grund, sich vor einem Tsunami zu fürchten. "Bedroht sind aber alle Küstenregionen Europas", meinte der Wissenschafter. So könnten etwa Beben oder Vulkanausbrüche im Mittelmeer oder Atlantik eine Flutwelle auslösen. Aber: "Nicht jedes dieser Ereignisse führt automatisch zu einem Tsunami", betonte Steinacker. Eine Katastrophe hängt nicht nur von der Beben-Häufigkeit ab - es müsse auch die "richtige" Meeresstelle treffen.

Schwierige Vorhersage

Auf welche Küstengebiete eine Flutwelle aufschlagen könnte, sei nur schwer vorherzusagen. Bebt die Erde etwa in der seismisch aktiven Region Süditaliens oder um Santorin in der Ägäis, könne man den Verlauf und die zerstörerische Kraft einer Flutwelle kaum prognostizieren. "Die Struktur des Mittelmeeres ergibt ein komplexes Muster. Daher hängt die Verbreitung einer Welle von der Stärke und dem Epizentrum des Bebens ab. Die Balearen, Korsika oder Sardinien seien aber vermutlich nicht davor gefeit.

Lediglich in der Adria ist auf Grund der geringen Wassertiefe eine Flutwelle auszuschließen. "Der Tsunami holt sich seine Energie aus der Tiefe des Meeres. Trifft das Wasser auf seichte Küstenstreifen, wird es in die Höhe gedrückt", erklärte Steinacker, "Die Küstenform, auf die die Wassermassen treffen, kann einen Tsunami zusätzlich verstärken oder abschwächen", meinte der Wissenschafter. In trichterförmigen Abschnitten könne das Wasser besonders hoch steigen - wie es in Lissabon durch die Tejo-Mündung der Fall war.

Auch auf den Kanarischen Inseln kann eine derartige Naturkatastrophe ihren Ausgang nehmen. "Die Kanaren sind vulkanischen Ursprungs. Stürzt bei Hangrutschungen an den Bergkegeln eine Flanke ins Meer, könnte sich eine Flutwelle ausbreiten, die bis an die Ost-Küste der USA reicht", prophezeite der Meteorologe.

Auslöser

"Um einen Tsunami in Gang zu bringen, braucht es gewaltige Energiemengen", erklärte der Professor. "Eine seitliche Schwerbewegung der Erdplatten reicht nicht aus, sie müssen sich vertikal in Bewegung setzen." Daher sei die Wahrscheinlichkeit extrem gering, dass Bewegungen am Meeresboden beim Erdölabbau in der Nordsee eine Flutwelle auslösen können. "Ihnen fehlt es an Intensität", meinte Steinacker. Auch das plötzliche Entweichen von Gas aus Blasen am Meeresboden wird als Ursache wohl eher ein Horrorfilmszenario bleiben.

"Die 'Welle im Hafen', wie Tsunami übersetzt heißt, ist eine dramatische Naturkatastrophe - dafür aber sehr selten", meinte der Wissenschafter. Unsere Generation werde weltweit wohl keinen mehr erleben. (APA)

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