Mangroven - abgeholzte "Wellenbrecher"

9. Dezember 2005, 16:37
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Tsunami: Ein intaktes Ökosystem hätte die Wassergewalt abschwächen können - Krise fürs Ökosystem

Wien - Der Tsunami Ende Dezember 2004 war vor allem eine humanitäre Katastrophe. Doch auch die ökologischen Auswirkungen der Flutwelle waren dramatisch. "Weil die Menschen schon zuvor falsch mit ihrem Lebensraum umgegangen sind", meinte Michael Stachowitsch vom Institut für Meeresbiologie der Universität Wien zur APA. So waren bereits vor der Flutwelle 45 Prozent der Mangrovenwälder in Indonesien und 85 Prozent in Indien zerstört. Ein intaktes Ökosystem hätte die Wassergewalt abschwächen können, sind sich Experten einig.

Die Pflanzen- und Tierwelt der Küstengebiete in Südostasien wurde unterschiedlich stark in Mitleidenschaft gezogen. Laut WWF International wurde in Indonesien etwa ein Drittel eines 97.000 Hektar großen Korallenriffs zerstört. Am stärksten wurden die Unterwassergewächse vor den zentralen und nördlichen Andamanen beschädigt (95 Prozent). Mangrovenwälder in der indonesischen Provinz Aceh und auf den Niais Inseln litten zu 90 Prozent unter der Flut. In Thailand stellte die Umweltschutzorganisation wiederum nur 0,2 Prozent Schäden an der Baumfläche fest - beinahe alle davon in der Phang-nga Provinz.

Abholzung

"Korallenriffe und Mangrovenwälder spielen eine kritische Rolle im Aufhalten von Sturmwellen", erklärte Stachowitsch. "Mangrove bedeutet übersetzt 'Wellenbrecher'", sagte Lydia Matzka vom WWF Österreich zur APA. Die Flutwelle wäre nicht derart verheerend gewesen, hätte man im Vorfeld nicht so viele der Bäume geschlägert, meinte sie. "Durch die Abholzung für zum Beispiel Garnelenzuchtanlagen war die Zerstörung zuvor schon sehr groß. Auch Korallenriffe standen weltweit schwer unter Beschuss", erklärte der Wiener Meeresbiologe.

Von 100 Ländern, in denen Korallen heimisch seien, hätten die Gewächse in 93 Prozent bereits zuvor signifikante Schäden erlitten - durch Umweltverschmutzung und Fischerei etwa, teilte der WWF International mit. "Jede zusätzliche Störung, wie durch den Tsunami, ist eine Krise für das Ökosystem", meinte der Professor.

Mangroven

Mangroven wachsen in Sümpfen am Übergang zwischen Land und Wasser. Sie filtrieren Schmutz und Abfälle, die vom Festland kommen, so dass diese gar nicht erst bis zu den sensiblen Korallenriffen vordringen können. Auch seien sie Kinderstube für unzählige Fischarten, so Stachowitsch. Laut WWF International sollen sich die Wälder in Indonesien bis 2010 regenerieren.

"Bis die zerstörten Korallen nachwachsen, ist es eine Frage von Dekaden, wenn nicht länger", sagte der Biologe. Auch künstliche Transplantationen, die die kleinen Lebewesen zum wachsen animieren sollen, könnten höchstens kleine Flächen wieder besiedeln. Fehlen die Korallen, verlieren auch viele Fische ihren Lebensraum. An der Andamanen-Küste Thailands befürchtet die Umweltschutzorganisation auch zerstörte Nistplätzen von Meeresschildkröten. "Es ist durchaus denkbar, dass die Brut eines ganzen Jahres bei dem Tsunami vernichtet worden ist", meinte der Meeresbiologe. (APA)

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    In der Nähe von Banda Aceh in Indonesien sind nach der Flutkatastrophe tausende Mangroven gepflanzt worden.

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