Heute wird über 800 Jobs entschieden

5. Dezember 2005, 19:30
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Das in Konkurs geschlitterte Tiefkühlkost-Werk im Marchfeld könnte schon diese Woche einen neuen Betreiber erhalten - Bestbieter erwägt Teilschließung

Wien - Heute fällt aller Voraussicht nach die Entscheidung über die weitere Zukunft des ehemaligen Iglo-Werks in Groß-Enzersdorf, das im Oktober in die Pleite geschlittert war. Der Gläubigerausschuss berät in den späten Nachmittagsstunden, an welchen der drei Interessenten verkauft werden soll. Die Entscheidung darüber, wer den Zuschlag bekommt, wird auch ausschlaggebend dafür sein, wie viele der direkt und indirekt betroffenen rund 800 Jobs in der Region Marchfeld gerettet werden können.

Bisheriger Bestbieter soll Teilschließung erwägen

Masseverwalter Stapf hatte in mehreren Gesprächsrunden am Freitag die Angebote von drei Interessenten für die Übernahme des Tiefkühlwerks diskutiert - und ist dabei offenbar zur Überzeugung gelangt, dass eine Nachbesserung durch bestimmte Interessenten notwendig ist, um die heute, Montag, tagenden Gläubiger für eine volle Fortführung des Werks einzunehmen. Bei den drei Interessenten, die offiziell nicht genannt werden, handelt es sich dem Vernehmen nach um die ostdeutsche Tiefkühlfirma Frenzel, die belgische Pinguin-Gruppe und den slowenischen Gemüsegroßhändler Gea.

Die in dem Gläubigerausschuss versammelten Firmen und Interessensgruppen müssen, wie es aussieht, darüber entscheiden, ob sie dem Verkaufspreis oder der vollen Erhaltung des Werks Priorität einräumen, hieß es am Freitag aus Gläubigerkreisen gegenüber der APA.

Von Arbeitnehmern und Zulieferern wird das deutsche Unternehmen Frenzel favorisiert. Die Liegenschaftseigentümer sollen mit dem Voreigentümer der Produktion Unilever ("Iglo") eine Einigung erzielt haben.

Pinguin soll Bestbieter sein

Nach Informationen aus Gläubigerkreisen soll die Frenzel-Gruppe aber nicht das höchste Angebot gelegt haben, in Front liegt angeblich das Angebot der belgischen Pinguin, die bereits vor dem Konkurs mit der 11-er-Gruppe über die Übernahme verhandelt hatte. Nach dem Scheitern dieser Verhandlungen hatte Austria Frost Konkurs anmelden müssen.

Pinguin soll lediglich Teile der Produktion fortführen wollen, nämlich Gemüsesorten, die in das Produktionsprogramm der Gruppe passen. Die beiden anderen Interessenten sollen eine Fortführung der gesamten Produktion in Aussicht gestellt haben.

Betriebsrat will Standort und Jobs erhalten

Im Mittelpunkt der Forderungen des Betriebsratsvorsitzenden Ewald Müller steht klarerweise der Erhalt von Standort und Arbeitsplätzen. Frenzel habe die Übernahme der Verträge und die Weiterführung des Werkes zugesagt, so Müller am Freitag im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien. 7,4 Mio. Euro koste das Grundstück samt Betriebsanlagen in Groß-Enzersdorf - der ursprüngliche Kaufpreis habe 24 Mio. Euro betragen.

"Wir fordern aber auch eine großzügige Unterstützung der Landespolitik", bekräftigte Manfred Felix von der Gewerkschaft Agrar-Nahrung-Genuss (ANG). Bisher habe noch kein Landespolitiker Kontakt mit den Betroffenen aufgenommen, Unterstützungsbekundungen würden nur in schriftlicher Form bestehen. "Investitionsförderungen wären jetzt sehr wichtig. Wir wollen keine Auffanggesellschaft, sondern einen neuen Eigentümer", so Felix.

Land schließt Fördergelder nicht aus

Der niederösterreichische Wirtschaftslandesrat Ernest Gabmann (ÖVP) schließt den Einsatz von Fördergeldern des Bundeslandes nicht aus, will aber eine weit gehende Absicherung des Standorts durch den neuen Eigentümer. Sollte es diese nicht geben, "bin ich nicht bereit, auch nur einen Cent herzugeben", wird der Vize-Landeshauptmann in der Wochenendausgabe des "WirtschaftBlatt" zitiert.

Bei Konkurs Folgen für Bauern

"Im Marchfeld gibt es vorwiegend Familienbetriebe. Die Felder haben eine durchschnittliche Größe von 50 Hektar. Sollte das Werk zusperren, wäre das nicht nur das Ende der österreichischen Tiefkühlkost, zusätzlich würde unter den Bauern enormer Konkurrenzdruck entstehen. Denn für jeden von uns geht's dann um die Existenz", sagte Landwirt und Iglo-Zulieferer Robert Kriegl. Eine Umstrukturierung von Gemüse auf Getreide wäre sehr schwierig, ein Überleben kaum möglich.

Bei Konkurseröffnung am 26. Oktober lagen die Schulden von Austria Frost bei 26,3 Mio. Euro, die Aktiva betrugen 15,1 Mio. Euro. Für ANG-Gewerkschafter Gerhard Riess kein Grund für eine Schließung des Werks: "Austria Frost ist kein desolates Unternehmen, es hat lediglich Finanzprobleme." Als Abnehmer könnte sich Riess auch weiterhin den Unilever-Konzern vorstellen: "Wir haben nie Probleme gehabt - uns ist aber grundsätzlich jeder Abnehmer recht." (APA)

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