"Eine Erweiterung des gesamten Lebens"

27. Oktober 2006, 10:59
5 Postings

Vier erfolgreiche "Expats" gaben in Bratislava Auskunft über ihr Leben. Überein­stimmend würden sie wieder ins Ausland gehen

Personalberater klagen, dass sie in ihrem Kandidatenpool wenig Mobile finden, die sich für eine Auslandskarriere in den Ländern des neuen Europa als so genannter "Expat" interessieren. So auch Catro-Geschäftsführer Markus Brenner. Allerdings: Nachgedacht wird über solche Joboptionen wohl, denn, so Brenner: "Die Kandidaten erkundigen sich sehr genau, was sie erwartet."


Für den KarrierenStandard Grund genug, mit Brenner in der slowakischen Hauptstadt Expats zu befragen. "Expat in der Slowakei, vorallem in der Stadt, ist wohl etwas anderes als in Aserbaidschan", so Volker Pichler, Vorstandschef der Istrobanka. "Man fühlt sich aber als Expat, spätestens wenn man die Sprache nicht kann und Angst um sein Auto hat." Mittlerweile spreche seine Tochter besser Slowakisch als er, lacht er, aber grundsätzlich gelte: Ohne Bereitschaft für die "fremde" Sprache gehe es nicht. Ob er sich fremd fühle? Pichler, der seit Jahren seinen fixen Wohnsitz hier in Bratislava hat, lacht wieder: "Nein, Bratislava ist klein, die Community eng und man trifft einander dauernd. Mit  Ausnahme der Postbank besteht die Stadt ja aus ausländischen Banken. Das ist sehr interessant, weil man da unglaublich viel über die unterschiedlichen kulturellen Zugänge lernt."

Ein Vorort Wiens

Martin Hornig kommt aus dem Erste-Bank-Konzern, war zuvor zwei Jahre in Prag und ist jetzt Mitglied des Vorstandes der S-Versicherung in der Slowakei. Bratislava ist für ihn "eigentlich ja ein Vorort Wiens". Im Winter ist er Wochenendpendler, "auch weil das Fahren gefährlich ist", im Sommer wechselt er öfters über die Grenze. Er ist überzeugt: "In Österreich wäre ich nie so schnell in die erste Ebene gekommen." Ein Angebot, weiterzuziehen, hat er jüngst abgelehnt. Er will in Bratislava "die Ernte einfahren, nach dem die Start-up-Phase reizvoll war".

"Neugierde und Spaß an der Arbeit"

Zur oft bangen Frage der Kandidaten nach den so genannten "Rückfahrtickets" sagt er: "Die gibt es wohl, aber eben nicht immer zum gewünschten Zeitpunkt." "Und nicht immer in die gewünschte Position", ergänzt Hermine Schofnegger, Kreditrisikomanagerin der HVB vor Ort. Diese Erwartung zu haben sei nicht zu empfehlen. Man solle sich auch nicht in der Sicherheit wiegen, dass ein Auslandseinsatz die Karriere im Konzern automatisch befördere. Beide  übereinstimmend: Man stehe wohl in der Auslage und sei "target" von Executive-Searchern. Allerdings betreffen die Angebote nicht das Heimatland. Hornig: "Man steht anders in der Auslage."  Und das Privatleben? "Mein Lebensgefährte ist selbstständig, er konnte also nicht einfach mit mir mit. Wir haben unser Privatleben mal in Wien, mal hier." Ihre Motivation fasst sie kurz: "Neugierde und Spaß an der Arbeit."


Gerald Moravi, Leiter des Beteiligungsmanagements Ausland der Gas & Wärme (Energie Steiermark) und in
der Slowakei Vorstandschef des Tochterunternehmens Stefe, ist mehr fahrender Manager als Expat. Drei Tage ist
er in Graz, dann in der Slowakei und in Tschechien. "Ich habe das als Chance gesehen, 20 Gesellschaften leitend zu
führen. Das wäre in Österreich nicht möglich", sagt er. Diese Art des Berufslebens sei eine Belastung, gesteht er ein. Seine slowakische Frau lebt jetzt in Graz.

Mobilitätshürden

Markus Brenner kommt zurück auf die Mobilitätshürden: "Die Hainburger fahren eher nach St. Pölten als über die
Grenze", ächzt er. Verständnis in der Runde: "Es ist ein großer Schritt, die Heimat, die Kultur, den Sprachraum zu verlassen." Pichler: "Ich erlebe viele Menschen im Konzern, die um keine Summe der Welt ins Ausland gehen würden."
Es sei unbequem, man müsse viel ändern, "man braucht schon eine Portion Abenteuerlust auch. Das vermisse ich leider sehr oft."

Und zum Geschäft: "Das Gesetz hat in den neuen Ländern nicht die Reichweite, wie man das aus Österreich kennt. Da tauchen auch neue strukturelle Probleme auf. Das ist aber mehr Problem in Bulgarien oder Rumänien als hier." Moravi: "Die Korruption wird in allen Bereichen besser. Aber das Land ist noch nicht dort, wo es hingehört. Die Einstellung zum Eigentum ist noch anders, das ist noch ein Weg." 


Schofnegger: "Man darf auch nicht die Städte mit den ländlichen Regionen in einen Topf werfen. Bratislava ist ja auch so etwas wie ein Planet innerhalb der Slowakei. Schon in den Vororten sieht es anders aus."  Hornig moniert: "Im Konzern fehlen Programme für Expats. Die Betreuung beim Wechsel ist gut, aber dann hört es auf. Da wäre viel zu tun, um die Anreize auch zu erhöhen." Zudem, sagt er Auslandswilligen, müsse man sich vor Augen halten, dass
Qualifizierte der "alten" Ostländer heute ja bereits gefragte Expats in den "neuen" Ostlänern seien. Wer Chancen nützen wolle, solle sich das also zügig überlegen.


Pichler hält so umfangreiche Programme nicht für nötig: "Es ist nicht mehr so wichtig, Österreicher zu sein, um für einen heimischen Konzern im Ausland zu arbeiten." Verhandlungssprache sei zudem Englisch. "Ja, einmal ist mein ,value added‘ als Österreicher zu Ende", stimmt Hornig zu.

Einstimmig der Rat an Junge

Zielsetzung darf nicht sein, einmal vier Jahre ins Ausland zu gehen und dann eine gesicherte Star-Position in Österreich erwarten. Soll dem Headquarter die Leistung im Ausland besser präsentiert werden? Pichler: "Nix sagen ist falsch. Man muss schon zeigen, was ist Marktleistung und was ist Eigenleistung. Das ist ja auch eine Managementaufgabe."  Insgesamt attestiert die Runde Herausforderungen an die Personalentwicklung und rät zum Entschluss in jungen Jahren.  "Mit 40 wird es schwer." Als "lohnend" erachten alle, Schnittstellen an den Universitäten zu den Expats aufzubauen. "Auf den Unis müssen Chancen kommuniziert werden." Und: Alle würden ihre Entscheidung wiederholen. Sie haben eine Erweiterung des gesamten Lebens erfahren. (Der Standard, Printausgabe 3/4..12.2005)

Von Karin Bauer
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.