Rezension: Streeruwitz über Rottenbergs "Männerverstehbuch"

2. Dezember 2005, 13:35
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Dann und wann ein Mann: Strategie der Lebenserleichterung statt Lebensverbesserung

Standard-Redakteur Thomas Rottenberg hat ein Buch über das gebeutelte Geschlecht geschrieben: "Das Männerverstehbuch". Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz hat es rezensiert.


Vor sehr langer Zeit erzählte mir ein Freund, dass er so gerne zum Friseur ginge. Da könne er alle diese Frauenzeitschriften lesen. Erst mit der Brigitte hatte dieser Freund herausgefunden, dass er dem Friseur sagen konnte, wie er seine Frisur haben wollte. Bis dahin hatte er sich hingesetzt und machen lassen. Wie es ihm als kleiner Bub beigebracht worden war. Er hatte sich immer geärgert. Aber er hatte keine soziale Technik zur Hand gehabt, seine Wünsche auszudrücken.

Das war Ende der 80er-Jahre. Seither machen es zahllose Männermagazine den Frauenzeitschriften nach und vermarkten den Anpassungsdruck. Kein Mann muss mehr in der Brigitte blättern. Welche Frisur er mit welchem Friseur aushandelt. Das wird ihm mittlerweile mit dem sanften und so nachhaltigen Druck der Lifestyle-Magazine verordnet. Diese neuen Entwürfe des Mann-Seins stülpen sich über die alten Zwänge. Verändern die Vorstellung vom Mann. Von sich. Veränderungen. Das löst immer Unsicherheit aus. Das greift in das Zentrum traditioneller Männlichkeit, die ja dazu verpflichtet ist, immer zu wissen, was "richtig" ist. Nachfragen. Sich erkundigen. Die eigenen Gefühle erkunden und bearbeiten. Das lernen Männer nur in Managementkursen. Dann, wenn es ums Geld geht. Das lernen sie nicht für ihre Leben. Und die Lifestyle-Magazine sind gerade so weit gekommen, den Männern mitzuteilen, dass sie Gefühle haben. Und wie sie die in der Wahl des richtigen Dufts und in epilierten Schultern und Rücken ausdrücken können.

Antworten versprochen

"Das Männerverstehbuch" von Thomas Rottenberg will da weiter kommen. "Weil Männer irgendwie komisch sind. Ein bisserl verloren. Ein bisserl vergessen, ein bisserl lächerlich und ein bisserl ignorant. Auf alle Fälle aber verwirrt." Deshalb kann man oder frau jetzt lesen, "was Frauen schon immer wissen wollten und Männer sich nicht zu fragen trauen." Das Buch verspricht Antworten auf alle diese Fragen. Ja sogar "auf Fragen, die mancher Mann sich vielleicht noch gar nicht stellen wollte".

Rottenberg beginnt medizinisch. Mit der Lebenserwartung, und was die Männerleben damit zu tun haben. Und dem Y-Chromosom. Dem Mann wird so gleich einmal seine Bedrohung durch sich selbst vorgeführt. Wie er dazu angeleitet wurde, sich selbst im Weg zu stehen. Über Rollenbilder erfährt der Mann, wie er "gemacht" wird und wie das in die Öffentlichkeit gerät. Das Vater-Sein wird als Chance einer Neuerfindung beschrieben. In einer Vielstimmigkeit von Interviews mit Fachpersonen bleiben die Informationen zugeordnet. Meinung wird nicht verordnet. Dann wird es ein bisschen strenger. Es geht ums Waschen und Pflegen. Um den Körper, und in welcher Form der Krawattenknoten Männlichkeit ausdrücken soll. Was an Benehmen zeitgemäß ist. Was die Frauen wollen. Die Solllänge des Penis wird um ein paar Millimeter herunterrevidiert und auch sonst noch einige Missverständnisse besprochen. Wie zum Beispiel, dass Männer aus physiologischen Gründen besser einparken. Und. In vielen Texten wird beklagt, dass diese physiologischen Gründe nicht besprechbar wären. Die Frauenbewegung habe eine klare Sprache über die Biologie tabuisiert.

Zwei Mythen

Die Frauenbewegung und die Geschlechterbiologie. Das sind die zwei Mythen, auf die Rottenberg sich bezieht. Für Rottenberg hat die Frauenbewegung eine gesellschaftliche Veränderung bewirkt. Ich bedanke mich sehr herzlich bei ihm für diese Einschätzung. Die Frauenbewegung hat nämlich nichts erreicht. Strukturell haben sich die Machtverhältnisse nicht ein bisschen verändert. Das blitzt nur kurz auf, wenn die Karenzzahlen der Männer besprochen werden. Wenn sich zeigt, dass es nicht die Geschlechtszugehörigkeit ist, die entscheidet, wer beim Kind zu Hause bleibt und wer nicht. Wenn dann die Wenigerverdiener zu Hause bleiben. Und "ups". Das sind dann zu 96 Prozent die Frauen.

Wenig hilfreich

Es waren wirtschaftliche Gründe, die die Wahlmöglichkeit zwischen Hausfrau oder Berufstätigkeit aufgelöst haben. Der neue Mann ist auch nur durch seine wirtschaftliche Situation neu. Ein tief greifend emanzipatorischer Versuch liegt der Diskussion hier nicht zugrunde. Das ist Brigitte der 70er-Jahre. Hilfreich als Orientierung. Als Beginn einer kritischen Auseinandersetzung. Dass unsere Kultur Geschlecht als Natur konstruiert und es heute so aussehen kann, als würde diese kulturell gemachte "Natur" mit der Biologie in eins fallen. Das muss besprochen werden. Festzustellen, dass die Frauen in der Gesundheitspolitik den Männern im Weg stehen, weil die Frauenpolitik Angst haben muss, dass Gelder für die Frauengesundheitsvorsorge zur Männergesundheitsvorsorge verschoben werden. Dass also die Männer ein Stück vom Kuchen mehr bekommen würden, das den Frauen dann abginge. Das ist nicht hilfreich.

Richtig wäre doch die Verdopplung des Kuchens. Aber. Ein solcher Konflikt erzählt versteckt von der Konkurrenzsituation, in der Männer und Frauen sich politisch befinden. Eine Konkurrenzsituation, die ein geschichtliches Erbe ist, dem mit fröhlichen Lebenshilferatschlägen nicht beizukommen ist. Und schon gar nicht, wenn man die Bezeichnung "neumodische-feministische Schmonzes" einflechten kann.

Es sich ohne Zugeständnisse richten

Da wiederum blitzt die gute alte Frauenverachtung auf. Die ganze Leichtigkeit der Informationsdichte bricht zusammen. Sichtbar wird eine Strategie der Lebenserleichterung, die nichts mit einer Lebensverbesserung zu tun haben muss. Das ist dann doch wieder die Domäne von Hegemonie. Es sich richten, ohne Zugeständnisse zu machen. Dem Druck also so weit nachgeben, dass keine Schmerzen entstehen, und dann diese Anpassung als positive Veränderung verkaufen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.12. 2005)

Thomas Rottenberg: Das Männerverstehbuch. Was Frauen immer schon wissen wollten und Männer sich nicht zu fragen trauen.
Niederösterreichisches Pressehaus 2005. €17,90
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