Yin und Yang für Haut und Haar

27. März 2006, 16:00
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Die Kosmetikbranche sieht im Bereich der Geo-Kosmetik ein gewaltiges Potenzial

100.000 bis 150.000 einzelne Haare trägt ein erwachsener Mensch am Haupt, maximal sprießen 200 Stück pro Quadratzentimeter. Eine lächerliche Anzahl, verglichen mit der gesamten Körperbehaarung eines homo sapiens: Vom Kopf bis zu den Zehenspitzen wuchern rund fünf Millionen Härchen an allen möglichen Stellen. Wobei es natürlich Unterschiede gibt, auch zwischen Ethnien: Blonde haben mehr als Rothaarige, Asiaten mehr als Europäer. Das interessiert auch die Kosmetikindustrie:

Vor allem L'Oréal - die Nummer eins der Branche - investiert Jahr für Jahr Millionenbeträge in wissenschaftliche Erkenntnisse über spezifische Eigenschaften der unterschiedlichsten Haartypen. Erst Ende September eröffnete der französische Beauty-Konzern einen 3000 Quadratmeter großen Forschungskomplex in Schanghai, um Struktur und Beschaffenheit von Haaren und Haut chinesischer Konsumenten zu ergründen. Kostenpunkt des neuen Labors: sechs Millionen Euro.

In Chicago tüfteln seit fünf Jahren insgesamt 30 Chemiker, Biologen, Physiker und Hair-Stylisten an der exakten Analyse von Haaren und Haut der Menschen afrikanischen Ursprungs. Victoria Holloway, afro-amerikanische Chefin des ,,Ethnic Skin and Hair Research Centers" (dessen Baukosten elf Millionen Dollar betrugen) über den Schwerpunkt der Arbeit ihres Teams: ,,Unser primärer Fokus liegt auf der Erforschung der Bedürfnisse von afrikanischem Haar. Dazu benötigen wir Vergleiche mit anderen Bevölkerungsgruppen. Und die multi-kulturelle Gesellschaft in Chicago, mit Leuten aus über 70 Ländern der Welt, bietet uns beste Voraussetzungen dafür."

Reich an Pigment

Aktueller Wissensstand in der Profi-Haarkunde: Der Mensch asiatischen Ursprungs besitzt pigmentreicheres Haar als der europäisch / kaukasische Typ, sein Haar ist von einer gut schützenden, äußeren Schuppenschicht umgeben, hat größeren Durchmesser und lässt sich nur schwer färben. Das Haar von schwarzen Frauen und Männern dagegen wächst langsamer als das kaukasische oder asiatische, absorbiert weniger Wasser und wird - wegen eines geringeren Durchmessers und weniger Lipiden - schneller brü- chig. Ergo: bedarf einer ganz speziellen Pflege.

Und weil die Beauty-Branche mit einer Milliarde potenzieller Konsumenten und Konsumentinnen afrikanischer Herkunft rechnet - 800 Millionen in Afrika, 75 Millionen in Brasilien, 36 Millionen in den USA und sechs Millionen in Europa - wird das jeweilige Forschungsresultat so rasch wie möglich in brandneue Produktentwicklung umgesetzt. Brancheninsider schätzen, dass der Umsatz von Ethno-Kosmetik allein in den USA schon in den kommenden drei Jahren 14,7 Milliarden Dollar ausmachen könnte.

Die PR-Maschinerie von L'Oréal ist längst voll in Gang: In Afrika stieg der Marktanteil von Soft Sheen Carson - 1998 vom französischen Konzern übernommen - in den vergangenen Jahren von zwölf auf 41 Prozent. Bestseller bei Shampoo und Conditioner: Produkte, die Haarglättung oder zumindest eine Minimierung des Kräuseleffekts versprechen.

"Eigentlich wollen alle das haben, was sie nicht haben", sagt Rainer Wolber, Forschungslaborleiter beim Kosmetikriesen Beiersdorf und mit dem Fachgebiet Hautpigmente betraut. ,,Für den asiatischen Raum ist es zum Beispiel hoch relevant, spezielle Pflegewirkstoffe zu entwickeln, die die Pigmentierung beeinflussen. Also klassische Whitening-Produkte - damit die Haut etwas heller erscheint."

Globale Haut- und Haarforschung

Vor zehn Jahren begann Beiersdorf, sich mit verschiedenen ethnischen Gruppen auseinander zu setzen. Seit fünf Jahren wird intensiv globale Haut- und Haarforschung betrieben. ,,In Asien sind wir derzeit aber auch stark mit ganz normaler Pflege, wie Lotions und Cremes, vertreten. Im Prinzip funktioniert die Haut aller Menschen ja relativ ähnlich", so Humanbiologe Wolber.

Das Interesse an westlicher Kosmetik in asiatischen Ländern ist enorm. Führende Beauty-Firmen verbuchen jährlich Wachstumsraten im zweistelligen Bereich; der Markt ist noch längst nicht ausgeschöpft.

Und vice versa: Das japanische Unternehmen Shiseido, weltweit die Nummer vier in der Kosmetikbranche, erfreut sich in Europa und Nordamerika immer größerer Beliebtheit. Investition in multi-kulturelle Haut- und Haaranalyse lohnt sich eben: Schon vor 15 Jahren gründete Shiseido die ersten Forschungszentren in Paris und Connecticut, um die Bedürfnisse der dort ansässigen ethnischen Gruppe zu erkunden. Internationales Erfolgsrezept der japanischen Firma: fernöstliche Philosophie gepaart mit kreativer Mixtur der Beauty-Produkte.

Denn das Geschäft mit der Schönheit floriert dann, wenn Pflege andersartig und neu ist. ,,Der Wettbewerb wird durch Innovation und weniger durch Preis und Angebot bestimmt", erklärt L'Oréal-Präsident Lindsay Owen-Jones, der den Forschungsetat seines Unternehmens - derzeit jährlich 507 Millionen Euro - weiter anheben will. Andreas Schepky, Beiersdorf-Hautforscher und in diesem Jahr mit einem internationalen Preis bedacht, kann Owen-Jones da nur Recht geben: ,,Was Mitbewerber ein halbes Jahr nach uns auf den Markt bringen, interessiert normalerweise niemanden mehr." (Carolin Giermindl/Der Standard/ronro/2/12/2005)

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    Haut und Haare von Menschen asiatischen oder afrikanischen Ursprungs haben andere Bedürfnisse als jene von Europäern.

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