Demokratie auf Ukrainisch

1. Dezember 2005, 19:01
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In Berichten und Kommentaren zum Jahrestag der orangen Revolution in Kiew war zuletzt viel von "enttäuschten Hoffnungen" und "Ernüchterung" die Rede - ein Kommentar der anderen Andrej Kurkow

Der Ukraine brummt in letzter Zeit immer öfter der Schädel: Sie muss Richtung Westen schauen, zugleich aber auch Richtung Osten, wo zu allem Überfluss der Präsident Turkmenistans, Nijasov, sich weigert, den Vertrag für Gaslieferungen in die Ukraine zu unterschreiben.

Zugleich geht's auch im Landesinneren drunter und drüber: Der englische Botschafter erklärt, dass die Korruption in der Ukraine nach wie vor manifest sei, dass Großbritannien bis auf Weiteres nichts investieren wolle. Die Parteien steuern auf ihre Ziele zu wie Billardkugeln, stets auf der Suche nach Partnern, mit denen sie bei den künftigen Parlamentswahlen einen Block bilden könnten. Die "schlechten" Oligarchen entspannen sich, weil sie merken, dass die Staatsmacht des Kampfes mit ihnen müde geworden ist. Die "guten" Oligarchen sind angespannt, weil sie fühlen, dass sich die Kraftverteilung im Land wieder ändert. Und in der Tat haben sich von den "Orangen" bereits zahlreiche Gruppen - die "Rötlichen" (Sozialisten), die "Dunkelorangen" (Ex-Premier Timoschenko mit ihrer Partei "Batkiwschtschina") u. v. a. - abgespalten.

Am meisten verstört aber ist das Volk - vor allem seit Präsident Juschtschenko ein Memorandum über irgendeine künftige Kooperation mit dem Leader der Partei der Regionen, dem im Vorjahr unterlegenen Präsidentschaftskandidaten, Viktor Janukowitsch, unterzeichnet hat.

In Kiew erfährt man über das ganze politische Durcheinander allerdings nur aus den Zeitungen. Im realen Alltagsleben ist davon nichts zu sehen: Alle sind glücklich, trinken Kaffee in den Lokalen, gehen ihrer Arbeit nach. In der Provinz aber kochen die Leidenschaften geradezu. In der kleinen Stadt Brusilow im Gebiet Schitomir etwa hat man so wie in hunderten anderen Städten auch die örtlichen Machthaber nach dem Sieg der orangen Revolution vollständig ausgewechselt. Als Vizechefin der staatlichen Administration in diesem Kreis wurde eine Frau, die Chefin der örtlichen Sozialisten, eingesetzt. Daran wäre noch nichts auszusetzen, wäre da nicht eine interessante Kleinigkeit: Frau Vizechefin fährt mit dem Auto durch die Gegend - hat aber keinen Führerschein und wurde deshalb vom örtlichen Polizeichef auch schon mehrfach angehalten und verwarnt. Die Folge: Die Staatsbeamtin rief in Kiew an, beschwerte sich bei irgendwem, und schon war der Polizeichef seinen Job los. Führerschein hat die Dame immer noch keinen, dafür einen neuen Polizeichef, den das nicht interessiert.

Ob das vielleicht damit zu tun habe, dass jetzt einer der führenden Sozialisten, Jurij Luzenko, Innenminister ist?

Oder eher damit, dass die Psychologie der Menschen, ungeachtet der Revolution und der angeblich mit ihr verbundenen "Läuterung der Gesellschaft", sich nicht geändert hat und viele nach wie vor genauso denken wie vor dem Regimewechsel: Wenn du ein Vertreter der Staatsmacht bist, dann brauchst du dich um die Gesetze nicht zu kümmern?

Wie auch immer: Mein Optimismus im Hinblick auf eine leuchtende Zukunft der Ukraine hat trotz allem zugenommen. In den letzten Monaten bin ich durch die Zentral- und Westukraine gereist und habe dabei zahlreiche Gespräche geführt - mit Studenten, Lehrern und Vertretern der neuen Staatsmacht. Dabei stellte ich fest, dass das Volk doch um einiges aufgeweckter und energischer in die Zukunft blickt als noch vor einigen Jahren. In einem kleinen Dorf namens Grizyv etwa, im Gebiet Ternopolsk, haben plötzlich alle begonnen, sich mit "grünem" Tourismus zu beschäftigen. Und es ist unverkennbar, dass der Wohlstand in der Region gestiegen ist. Auf dem Gut "Lidija" zeigte mir dessen gleichnamige Besitzerin voller Stolz das Gästebuch, in dem sich sogar schon Besucher aus Deutschland, Amerika und Arabien verewigt haben. Lidijas Mann, ehemals Taxifahrer und Jäger, hilft jetzt seiner Frau im neu entdeckten Hotelbusiness. Das Spannende daran ist aber vor allem, wie es begonnen hat: Eine junge Frau namens Jekaterina Grinytschiw hat gehört, dass man in Kiew eine Förderung zur Entwicklung des grünen Tourismus erhalten könnte, entwarf kurz entschlossen einen Business-Plan im Namen des ganzen Dorfes, fuhr damit nach Kiew - und gewann.

Aufbaustimmung

Als ich mich mit ihr unterhielt, bestätigte sich übrigens eine von mir schon lange gehegte Vermutung: Die Ukraine wird von Frauen gelenkt, die Männer geben nur vor, Entscheidungen zu treffen . . .

Das prominenteste Beispiel ist natürlich Julia Timoschenko, die nach ihrer Entlassung aus der Regierung kein Hehl daraus macht, dass sie die Nummer eins des Staates werden will und sich ganz auf die Parlamentswahlen konzentriert. Ob das zum Vorteil des Landes wäre, sei allerdings dahingestellt.

Ein Grundproblem des Landes ist nur leider, dass die ukrainische politische Elite so arm ist an neuen Gesichtern. Und ehrlich gesagt, sehe ich bisher keinen Politiker, der fähig wäre, die Ukraine zu einem einheitlichen Staat zu vereinigen. Dafür sehe ich auf meinen Reisen viele junge Menschen, die nie mehr in einer Ukraine eines Präsidenten Kutschma leben wollen. Nicht jeder von ihnen will zwar in einer Ukraine unter Juschtschenko leben, aber keiner hat vor, die Ukraine zu verlassen - und das signalisiert: Sie sind bereit, das Land aufzubauen.

Kleines Paradoxon

Wobei sie ja Gott sei Dank nicht bei null anfangen müssen: Die Demokratie in der Ukraine existiert, und selbst unter Kutschma hatten wir mehr davon als Russland unter Jelzin und nach ihm. Paradoxerweise hat das ursächlich etwas mit den Oligarchen und der Korruption zu tun: Die Oligarchen brauchten die Demokratie, um über die eigenen Massenmedien mit ihren den Konkurrenten und politischen Widersachern zu kämpfen. Die Korruption wiederum zog die Aufmerksamkeit jener Staatsorgane auf sich, die die Kontrolle über den Zustand der Gesellschaft aufrechterhalten sollten. Womit ich nicht sagen will, dass diese Organe sich der Korruption entgegenstellten - ganz im Gegenteil: Die Staatsdiener der obersten und mittleren Ränge waren so sehr mit der Anhäufung des Anfangskapitals in Form von Bestechungen und Prozenten aus Deals und Verträgen beschäftigt, dass sie keine Zeit hatten, auf die sozialen Prozesse im Land zu achten - zu unserem Glück, wie ich meine.

Jetzt haben wir eine Menge Millionäre, die aus dem Staatsdienst ausgetreten sind. Einige sitzen noch im Gefängnis, andere sind schon wieder heraußen und versuchen wieder an eine irgendeine Partei anzudocken, um im künftigen Parlament mitzumischen. - Darüber zu reden, ob das der Demokratie oder doch wieder der Korruption zugute kommen wird, ist es noch zu früh. Das Wichtigste aber ist, dass die Dinge in Bewegung geraten sind - und dass das Land von Tag zu Tag klüger wird ... (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2005)

Andrej Kurkow, geb. 1961, gilt ungeachtet der Tatsache, dass er auf Russisch schreibt, als meistgelesener Schriftsteller der Ukraine; auf Deutsch erschien von ihm zuletzt bei Diogenes die satirische Erzählung "Picknick auf dem Eis". Übersetzung; Eduard Steiner
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