"Va, vis et deviens": Geheimnis der Überlebenden

1. Dezember 2005, 18:56
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Aufarbeitung von verdrängter Historie sowie ein Mutter-Sohn- und Jugenddrama: Radu Mihaileanus "Va, vis et deviens"

Wien – Die Geschichte ist, wie Stefan Zweig einmal formuliert hat, ein Fluss des Gleichgültigen. Sie reiht als "Chronistin beharrlich Masche an Masche", bis eine "Weltstunde" das weitere Schicksal eines Einzelnen, eines Volkes oder gar der Menschheit bestimmt.

Der aus Rumänien stammende Regisseur Radu Mihaileanu hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Auswirkungen historischer Ereignisse auf das Individuum zu veranschaulichen: In Zug des Lebens schilderte er den Exodus eines osteuropäischen jüdischen Städtchens, das sich mittels Selbstdeportation in NS-Kostümen vor den Nationalsozialisten Richtung Palästina in Sicherheit brachte.

In seinem jüngsten Spielfilm Va, vis et deviens / Geh und lebe verfolgt er nun unter verwandten Vorzeichen eine weitere lebensrettende Reise ins Gelobte Land: Mitte der 80er-Jahre kamen Tausende äthiopische Flüchtlinge in den Sudan, um einer Hungerkatastrophe zu entgehen. Unzählige starben noch während des Marsches, die Überlebenden, unter ihnen eine Minderheit äthiopischer Juden, sammelten sich in Lagern. Im Zuge einer Hilfsaktion wurden jüdische Flüchtlinge nach Israel geflogen – die "Operation Moses" brachte erstmals schwarze Juden zu ihren weißen Glaubensbrüdern.

"Geh, lebe und werde" – mit diesen pathetischen Worten verabschiedet die Mutter und Christin ihren Sohn, der sich fortan als Jude ausgeben muss, um zu überleben. Mihaileanu erhebt diese Abschiedsworte zur bleibenden Erinnerung für den Buben, der sich nun Schlomo nennen muss. Seine wahre Identität bleibt sein gut gehütetes Geheimnis, während er bei einer französischstämmigen Adoptivfamilie in Tel Aviv auf- und zum jungen Mann heranwächst.

Dieses Szenario könnte die Ausgangslage für eine brisante Untersuchung darstellen, die sich der Rolle und dem Schicksal der schwarzen Juden Israels widmet. Mihaileanu jedoch möchte nicht nur die Aufarbeitung verdrängter Historie leisten, sondern vor diesem soziopolitischen Hintergrund noch eine Mutter-Sohn-Geschichte, eine Romanze und ein Pubertätsdrama erzählen, wodurch der Blick auf politische und gesellschaftliche Implikationen zu kurzen Einsprengseln gerät: Der Mord an Yitzhak Rabin steht hier buchstäblich als TV-Hintergrundbild gleichbedeutend neben einem Studienausflug Schlomos nach Paris. Die große Erzählung, die Mihaileanu vor Augen hat, ist derart nicht zu leisten, denn gerade der Fokus auf das Entwicklungsdrama verstellt hier den Blick auf das wahre Wesen der "Weltstunde", die, wie schon Zweig wusste, keiner nachhelfenden Hand bedarf. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.12.2005)

Von
Michael Pekler

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vavisetdeviens-
lefilm.com

  • Artikelbild
    foto: cinestar
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