Kopf des Tages: Dick Marty, Sonderberichterstatter des Europarats

7. Dezember 2005, 14:45
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Mit Schweizer Präzision der CIA auf der Spur

Sein Vorname ist amerikanisch, eine Kurzform von Richard. Sein Nachname kündet von Deutschschweizer Wurzeln; seine Studien der Jurisprudenz betrieb er im französischsprachigen Neuchâtel und am deutschen Max-Planck-Institut für Kriminologie. Seine Vielsprachigkeit dürfte Dick Marty in nächster Zeit zugute kommen, wenn er im Auftrag des Europarats nach mutmaßlichen, geheimen CIA-Gefängnissen und Folteranstalten in Europa suchen soll.

Und auch weitere Eigenschaften, die ihm zugeschrieben werden, prädestinieren ihn für den Job: Die Weltwoche bezeichnete ihn seinerzeit als "den schärfsten Drogenfahnder des Tessins"; nach seinem Einstieg in die Politik wurde er als engagierter Einzelgänger, als unabhängiger Kopf porträtiert, der seinen Weg geht und seinen Prinzipien treu bleibt, dabei aber gute Kontakte über die Parteigrenzen hinweg zu pflegen weiß.

Als Staatsanwalt im Schweizer Südkanton kämpfte Dick Marty in den Siebziger-und Achtzigerjahren erfolgreich gegen Geldwäscher, Drogen- und Zigarettenschmuggler, gegen das organisierte Verbrechen, das sich die Schmuggelpfade im unwegsamen Grenzgebiet zwischen dem Tessin und Italien ebenso zunutze macht wie die Nähe des internationalen Finanzplatzes Lugano.

Unabhängigkeit und Unerschrockenheit, gepaart mit Akribie und Hartnäckigkeit, demonstrierte Marty auch im Fall der so genannten "Libanon-Connection": Seine Ermittlungen in diesem Geldwäscherei-Skandal führten indirekt sogar zum Sturz der ersten Schweizer Bundesrätin, Martys freisinniger Parteikollegin Elisabeth Kopp, deren Ehemann als Aufsichtsrat in einem der betroffenen Unternehmen saß.

Später wechselte Marty das Fach und wurde vom Verbrecherjäger zum Finanz- und Wirtschaftsminister des Kantons Tessin. Und vor zehn Jahren wählten ihn die Tessiner Stimmbürger in den Ständerat, die kleine Kammer des Schweizer Parlaments in Bern. Der liberale, weltoffene Marty, im Nebenamt Vorsitzender der Schweizer Tourismus-Branchenorganisation, engagierte sich bald auch als Schweizer Abgeordneter im Europarat. Als einziger Freisinniger stimmte Marty gegen die Wahl des rechtskonservativen SVP-Abgeordneten Christoph Blocher in die Regierung vor zwei Jahren.

Als Sonderberichterstatter des Europarats tritt der mittlerweile 60-jährige Marty nun wie seine frühere Kollegin Carla Del Ponte ins internationale Rampenlicht; im Gegensatz zu ihr, der Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, sucht er aber nicht den großen Auftritt, sondern zieht die Kleinarbeit im Hintergrund vor. Für ihn schließt sich ein Kreis - Marty wird vom Politiker wieder zum Fahnder. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2005)

von Klaus Bonanomi
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    Dick Mary, Sonderbericht- erstatter

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