Tragische Ironien

1. Dezember 2005, 18:13
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Die "dark sites" kommen den meisten Entscheidungsträgern diesseits und jenseits des Atlantiks denkbar ungelegen - von Christoph Winder

Eines hat die Debatte um CIA-Flüge und Geheimgefängnisse klar demonstriert: dass der "Krieg gegen den Terror" ein Krieg der tragischen Ironien ist. Ironie Nummer eins: Die von der Washington Post behauptete Existenz der "dark sites" kommt den meisten Entscheidungsträgern diesseits und jenseits des Atlantiks natürlich denkbar ungelegen. Ergo flüchten sich Politiker und Diplomaten laufend in Behauptungen, man wisse eigentlich nicht, wovon denn da die Rede sei. Schließlich handle es sich ja nur um einen unbestätigten Zeitungsbericht. Gleichzeitig laufen alle möglichen Krisen- und Beschwichtigungsmechanismen heiß, die die angeblichen Zweifel an der Existenz des Streitgegenstandes überdeutlich dementieren. Ironie Nummer zwei: In Europa wird die Entrüstung über die Amerikaner zwar groß ausgestellt, doch auf den Umstand, dass die europäischen Geheimdienste aufs Engste mit ihnen kooperieren, vergisst man gern (ironischerweise soll die multilaterale Antiterrorzentrale ausgerechnet in Paris liegen). Ist wohl auch nicht nötig, weil Europas Dienste ja immer menschenrechtlich blitzsauber agieren. Die USA sehen sich schließlich doch dazu veranlasst, den Europäern Mithilfe bei der Aufklärung der Flüge zuzusichern. Gleichzeitig betont der US-Außenamtssprecher, dass man aber selbstverständlich nichts zu den Flügen sagen könne - aus Sicherheitsgründen, man weiß ja. Schließlich befinden wir uns in einem "asymmetrischen Krieg", dessen Hauptcharakteristik ein doppelzüngiges Durchwurschteln ist und bei dem sich Sicherheit und Menschenrechte nur noch schwerfälligst ausbalancieren lassen. Immerhin: George Bush könnte sich damit brüsten, dass seit 9/11 kein Terroranschlag mehr in den USA stattgefunden hat. Das tut er aber nicht, weil er nichts mehr fürchtet als eine Wiederholung des "Mission Accomplished"-Szenarios, als er den Irak 2003 vorschnell als erledigten Fall abgehakt hatte. Ironischerweise. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2005)
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