Sharon schließt Koalition mit Likud nicht aus

6. Dezember 2005, 06:59
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Premier schwimmt auf Popularitätswelle der dritten Amtszeit entgegen

Die beiden "Alten" der israelischen Politik gehören nach jahrzehntelanger Gegnerschaft nun zum selben Team. Doch der eine, Ariel Sharon, schwimmt auf einer Popularitätswelle der dritten Amtszeit als Premier entgegen, während der andere, Shimon Peres, nur noch auf eine Ehrenmitgliedschaft in der nächsten Regierung hoffen darf.

Nach langem Zögern hatte der 82-jährige Peres sich dazu durchgerungen, seine Unterstützung für Sharons neue "Kadima"-("Vorwärts")-Partei zu erklären und dem bald 78- jährigen Ex-Falken Rosen zu streuen: Israel brauche "eine Koalition für Frieden und Entwicklung", sagte Peres Mittwochabend live im TV und Radio, "und ich glaube, der Mann, der am besten geeignet ist, eine solche Koalition anzuführen, ist Arik Sharon".

Zugleich erklärte Peres nach 46 Jahren im Parlament seine Parteitätigkeit für beendet. Er wird also nicht in Sharons Partei eintreten und sich nicht mehr um ein Knesset-Mandat bewerben, aber wohl im Rahmen eines künftigen Kabinetts Sharon bescheidene Aufgaben übernehmen, wie die Entwicklung der Regionen Negev und Galiläa.

Bei der Arbeiterpartei, zu deren historischen Führungspersönlichkeiten Peres zählte, rief man dem Überläufer bissige Bemerkungen nach. "So etwas macht man einfach nicht", war dabei die mildeste Formulierung (Siehe Mitglieder der Arbeitspartei kritisieren Austritt von Peres. Die einfachen Leute hätten in Peres "immer einen unverbesserlichen Opportunisten gesehen", ätzte etwa die linksgerichtete Tageszeitung Haaretz, "einen Politiker ohne Qualitäten, ein machtgieriges Individuum, das den Annehmlichkeiten des Regierens verfallen ist".

Beim Likud wiederum, der durch den Austritt von Sharon schwer ramponiert ist, nahm man Peres, dem das Image einer Friedenstaube nachhängt, sofort als Angriffsfläche wahr. "Vorwärts bedeutet nach links", wurde in Anspielung an den Namen der Sharon- Partei getrommelt, und der Slogan "Wählen Sie Sharon, und Sie bekommen Peres" wird wahrscheinlich den Wahlkampf dominieren.

Sharon schloss indes eine Koalition mit dem Likud nicht aus, diese wäre aber nur auf der Basis des "Kadima"-Parteiprogramms möglich, das die Errichtung eines Palästinenserstaats und das Festhalten an der "Road Map" vorsieht. Laut Peres ist Sharon entschlossen, "den Friedensprozess fortzusetzen" – "sofort nach den Wahlen" im März. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.12.2005)

Von Ben Segenreich aus Tel Aviv
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