"Er hat Menschen zum Blühen gebracht"

23. Dezember 2005, 13:57
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Der Wiener Film-, Fernseh- und Theater­macher Michael Kehlmann ist gestorben - Gerhard Bronner im Interview

In der Nacht auf Donnerstag starb der Wiener Film-, Fernseh- und Theatermacher Michael Kehlmann (1927-2005): Kabarettist und Autor Gerhard Bronner erzählt im Gespräch mit Claus Philipp über seinen Freund.


STANDARD: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von Michael Kehlmanns Tod erfuhren?

Gerhard Bronner: Er war zuletzt furchtbar krank, hat drei Schlaganfälle überlebt und war nicht mehr er selbst. Erlösung - das war der erste Impuls, den ich hatte. Und dann, der zweite: Kehlmann hinterlässt dort, wo er früher einmal war, im Theater wie im Fernsehen, eine große Lücke.

Er war ein großartiger Entdecker von neuen Talenten. Er hat auf eine Art und Weise die Menschen zum Blühen gebracht, wie ich es nur bei wenigen anderen Regisseuren gefunden habe. Er hat zum Beispiel für ein breites Publikum Ödön von Horvath salonfähig gemacht, mit exemplarischen Aufführungen in seinem "Kleinen Theater" im Konzerthauskeller.

Und später, mit seinen Fernsehbearbeitungen, hat er Joseph Roth auf unnachahmliche Weise in Szene gesetzt. Vor gar nicht so langer Zeit habe ich mir seinen Radetzkymarsch (1965) wieder angeschaut. Wenn man bedenkt, wie viel aufwändiger später Axel Corti denselben Stoff adaptiert hat: kein Vergleich!

STANDARD: Was hat ihn verbunden mit Horvath?

Bronner: Ich hatte das Gefühl, dass Kehlmann der Interpret der schlamperten Wiener Herzen ist. Nachdem der den Krieg in Wien verbracht hatte, hat er unter anderem auch die Auswüchse der schlamperten Wiener Herzen aus nächster Nähe beobachten können. Das war wohl ausschlaggebend dafür, dass er Horvath, der das alles irgendwie vorausgeahnt hat, so forciert hat.

STANDARD: Und mit Roth?

Bronner: Das waren wohl seine jüdischen Wurzeln, die er eigentlich erst spät entdeckt hat. Nach zwei, drei Bearbeitungen, die Kehlmann gemacht hat, ist der ganze Joseph Roth neu aufgelegt worden, es erschien eine sechsbändige Gesamtausgabe, die vorher undenkbar gewesen wäre.

STANDARD: Wie haben Sie Kehlmann kennen gelernt?

Bronner: Anfang der 50er-Jahre ist er zu mir in die Marietta- Bar gekommen, wo ich damals Klavier gespielt habe, und hat mich gefragt, ob ich bereit wäre für eine Schnitzler-Adaption, Reigen 51, die Musik zu machen. Wir haben das weit über hundertmal gespielt und sind damit auch auf Tournee gegangen. Das Autoren-Trio waren Kehlmann, Merz und Qualtinger, und ich war der Musikmann und habe die Conférencen geschrieben zwischen den Szenen.

Beim nächsten Programm, das wir gemeinsam gemacht haben, das hieß Brettl vorm Kopf, da war ich schon Mitautor. Wir haben zuerst gemeinsam Lieder geschrieben, und da habe ich immer wieder seine Texte ausgebessert, bis er sagte: Dann schreib dir das allein! Zum Schreiben hat mich Michael Kehlmann inspiriert.

STANDARD: Mit Helmut Qualtinger hat er den heute legendären Krimi Kurzer Prozess verfilmt. Wie war seine Beziehung zu Qualtinger?

Bronner: Sie haben sich von Zeit zu Zeit gegenseitig geohrfeigt, aber es war eine sehr produktive Streiterei. Ich habe auch sehr viel mit ihm gestritten. Was dann herauskam, war meistens sehr erfolgreich. Sein erster wirklich großer Job: Da sind wir gemeinsam nach Hamburg gegangen, zu einer Zeit, als es in Deutschland 5000 Fernsehapparate gab. Wir haben dort das erste musikalische Fernsehspiel geschrieben und produziert - Madame Sans-Gene nach einem Stück von Victorien Sardou. Das war der Beginn der Inge Meysel. Nachher wurde sie mit Recht sehr bekannt.

STANDARD: Aus der Geschichte auch des österreichischen Fernsehfilms ist Kehlmann nicht wegzudenken. Wie ging er mit den schleichenden Neuorientierungen im ORF um?

Bronner: 1987 ist er ja sogar noch Hauptabteilungsleiter fürs Fernsehspiel geworden. Er hat das nach drei Jahren aufgegeben, weil er so viele Hindernisse in den Weg gelegt bekam. Immer haben ihm irgendwelche Bürokraten und dilettantische Dramaturgen im Haus hineingepfuscht.

Zum Beispiel erhielt ich von ihm den Auftrag, Joseph Roths Hotel Savoy zu dramatisieren. Als er weggegangen ist, bevor das realisiert werden konnte, hat die Dramaturgie behauptet, es sei ein Scheißbuch. Tatsache ist, dass es wohl eine der besten Sachen war, die ich je geschrieben habe. Na gut, dafür gefällt ihnen jetzt der Bulle von Tölz oder so was. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.12.2005)

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    Michael Kehlmann
    (1927-2005)

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