Einfach mitnehmen

21. Dezember 2005, 19:16
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Wieso es leichter ist, eine tonnenschwere Skulptur zu klauen, als ein Überraschungsei mitgehen zu lassen

Es war heute. Gleich zweimal. Und jedes Mal war die Reaktion gleich: Warum so etwas niemandem auffalle, respektive niemand eingriffe, wenn es denn geschähe, fragten zuerst A. (beim Frühstück) und später R. (in der Schreibstube): eine zwei Tonnen schwere Bronzeplastik abzutransportieren, meinten die beiden Damen unisono und unabhängig voneinander, müsse doch auffallen. Noch dazu, wenn man dafür mit einem Kran-LKW in einen park hineinfahre.

Die Geschichte war – samt Foto der Beute – im heutigen Standard zu finden: In London hatten Diebe eine zwei Tonnen schwere Bronzeplastik von Henry Moore geklaut. Aus einem Park. Keiner hatte was bemerkt – und genau das irritierte nun eben zuerst A. und dann R.

Erwartungshaltung

Aber das liegt vermutlich an dem, was uns über Jahrzehnte hinweg über „kriminelles Verhalten“ medial als zu erwarten beigebracht worden ist: So wie Einbrecher in der Regel und im dicht bewohnten Stadtgebiet nicht bei Nacht, sondern tagsüber ihrem Handwerk nachgehen, gab ich mich verkommen-weltgewandt, ist das eben auch beim Diebstahl sperriger Objekte: ganz anders als erwartet nämlich.

Ich holte aus: Wer sich vermummt, mit einer Feile bewaffnet und verstohlen um sich blickend in der Nacht an Moores Plastik zu schaffen gemacht hätte, wagte ich zu postulieren, wäre wohl erstens an der Materie gescheitert - und zweitens mit ziemlicher Sicherheit irgendeinem Nachtwächter, Nachtspaziergänger oder sonst wem als polizeilich meldenswert erschienen.

Chuzpe

Aber am helllichten Tag mit einem LKW vorzufahren, auszusteigen und zu Werke zu gehen, sei eher wenig riskant. Im Optimalfall, fabulierte ich, trüge man dabei auch noch einheitliche Overalls, stelle Warntafeln und Absperrschilder auf und bitte – gerade in einem Park sind doch viele kleine Kinder unterwegs – einen zufällig daherkommenden Gärtner/Polizisten, doch bitte mit ein Auge darauf zu haben, dass die Kinder ... uns so weiter.

Und weil zuerst A. und dann R. noch immer skeptisch schauten, legte ich eine – hier bereits einmal referierte Geschichte ­ aus meiner späteren Schulzeit nach. Damals hatte sich ein Kollege eingebildet, Parkbänke besitzen zu wollen – und im Überschwang pubertärer Dreistigkeit hatten wir ihm den Wunsch erfüllt: In einheitliche Overalls gekleidet hatten wir die Bänke abtransportiert – und der Polizist, der damals vor der irakischen Botschaft (zwischen unserer Schule und dem Stadtpark) stand, hatte sogar seinen Posten verlassen, um uns ein sicheres Überqueren der Straße zu ermöglichen.

Rechtfertigungsfragen

Aber A. und R. waren noch nicht ganz überzeugt: Aber irgendwer würde doch immer fragen, ob man auch dürfe, was man da tue. Sogar Fahrscheinkotrollore würden immer wieder nach ihren Dienstausweisen gefragt. Ich seufzte: Ja, aber nur, weil es da um vergleichsweise kleine Werte und Gegenstände gehe – oder hätten sie je erlebt, dass irgend ein Bestandteil der berühmten Zivilgesellschaft die prinzipielle Zugriffsberechtigung eines Autoabschlepptrupps in einer Parkverbotszone im allgemeinen und beim Abtransport einer Nobelkarosse im Besonderen in Frage gestellt oder gar kontrolliert hätte?

Ich spürte, ich hatte gewonnen. Mehr als das: Soeben - fast zeitgleich – erhielt ich zwei Mails. Sowohl A. als auch R. pflichteten mir nun doch bei – und fragten, ob ich mir eventuell schon ein bisserl genaueres zu diesem sicheren, zukunftsträchtigen und hochinteressanten Businessmodell überlegt hätte.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten - Archiv - zum Wiederlesen & Weiterschenken.
"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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