Wifo: Immobiliensektor für Konjunktur Schlüsselfaktor

8. Dezember 2005, 18:37
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In Großbritannien, Nordeuropa, Spanien führte Immobilienboom zu besserem Wachstum - Gefahr durch zyklischen Immo-Sektor aber auch größer

Wien - Die Wachstumsunterschiede zwischen den EU-Staaten seit 1995 sind zu einem guten Teil auf die Entwicklung der Haus- und Wohnungspreise und deren Einfluss auf den Wohnbau und den privaten Konsum zurückgehen, schreibt das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) in seinem jüngsten Monatsbericht.

Vom boomenden Immobilienmarkt hätten Großbritannien, die nordischen Länder und Spanien profitiert, die Stagnation in Mitteleuropa in Sachen Immobiien habe dagegen auf die allgemeinen Konjunkturzahlen in dieser Region durchgeschlagen.

"Der Anstieg der Haus- und Wohnungspreise zog in den angelsächsischen und nordeuropäischen Ländern eine Steigerung der Wohnbautätigkeit nach sich und belebte über Vermögenseffekte auch die Konsumausgaben", schreibt das Wifo. "Langfristig ist jedoch kein Effekt auf das Wirtschaftswachstum zu erwarten, weil ein starker Anstieg der Immobilienpreise meist einen Einbruch mit entsprechend negativen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen nach sich zieht."

Fehlende Anreize in Mitteleuropa

In den angelsächsischen und skandinavischen Ländern sowie in Spanien sind in den vergangenen zehn Jahren die Hauspreise kräftig um 9 Prozent pro Jahr gestiegen, was dem privaten Konsum und dem Wohnbau in diesen Ländern starken Auftrieb gegeben habe. "In Mitteleuropa fehlte dieser wichtige Anreiz, die Haus- und Wohnungspreise stagnierten (+1 Prozent pro Jahr)."

Speziell wenn sich die Zinsen verteuerten sei aber in den nächsten Jahren in Großbritannien und in den nordeuropäischen Ländern "eine Abschwächung des Wohnbau- und Konsumbooms zu erwarten", glaubt der Studienautor. "In längerfristiger Perspektive ist also die Wirtschaftslage in Deutschland und Österreich relativ zum EU-Durchschnitt günstiger, als sie in den Wachstumsvergleichen der letzten zehn Jahre erscheint."

Konjunkturimpulse durch den Wertgewinn von Wohnimmobilien seien "nur kurz- bis mittelfristig, langfristig besteht kein Zusammenhang zwischen Hauspreisen und Wirtschaftswachstum". Ähnlich wie die Aktienbörsen seien auch die Hypothekarmärkte zyklisch, "auf eine Periode des steilen Anstiegs der Immobilienpreise folgt ein Einbruch mit entsprechend negativen Auswirkungen auf den privaten Konsum und die Gesamtwirtschaft".

Unterschiedliche Finanzmarktsystemen

Laut Studie hängen die Unterschiede mit unterschiedlichen Finanzmarktsystemen zusammen: Während die angelsächsischen und nordeuropäischen Länder (mit Ausnahme Finnlands) über liquide Aktien- und Immobilienmärkte mit hoher Volatilität verfügen, werden in Mitteleuropa (mit Ausnahme der Schweiz) Finanztransaktionen stärker über Banken abgewickelt.

In Ländern mit marktdominiertem Finanzmarktsystem wird der Wohnbau überwiegend durch Hypothekarkredite mit flexiblen Zinssätzen finanziert: "Der Anstieg der Haus- und Wohnungspreise - wie auch der Aktienkurse - trug in den USA, in Großbritannien und Skandinavien entscheidend zum Rückgang der Sparquote bei und begünstigte den privaten Konsum nachhaltig (1995/2003 +3 1/4 Prozent, Mitteleuropa +1 1/2 Prozent)."

In Mitteleuropa spielten für die Wohnbaufinanzierung dagegen fixe langfristige Zinssätze eine besondere Rolle, Miet- und Eigentumswohnungen in mehrgeschoßigen Bauten haben ein höheres Gewicht als in der ersten Ländergruppe: "Hier drückte seit Mitte der Neunzigerjahre die Stagnation der Nachfrage sowie schlechte Haus- und Wohnungspreise auf Wohnbauinvestitionen und Konjunktur."

Höhere Volatilität

Die Kehrseite der Medaille für die angelsächsischen Länder ist freilich eine höhere Volatilität und die Gefahr von Einbrüchen des Immobilienmarkts. Der Zusammenbruch einer Spekulationsblase könne jedenfalls "schwerwiegende Folgen für die Wirtschaft haben, wie die Entwicklung in Japan, Großbritannien und Skandinavien Anfang der neunziger Jahre zeigt".

"Eine wichtige Rolle spielt dabei die Zinspolitik: Ein plötzlicher starker Zinsanstieg kann einen Zusammenbruch auf dem Immobilienmarkt zur Folge haben, eine vorsichtige Zinspolitik dagegen ein soft landing'", so das Wifo. (APA)

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