Aspirin zur Verhütung und weit verbreitete Aids-Mythen

2. Dezember 2005, 17:10
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Die Wienerin Miriam Feyer im derStandard.at-Interview über ihre Eindrücke im Rahmen des Straight-Talk-Programmes an den Schulen Kampalas

Die Organisation Straight Talk, 1993 von der UNICEF mitbegründet, betreibt mehrere eigene Zeitungen und Radioprogramme, entwickelt Schulprogramme und unterstützt Aids-Waisen. Die Psychologiestudentin Miriam Feyer besuchte im Rahmen dieser Kampagnen zwischen Mitte Juni und Anfang August 2005 mehrere Schulen in und um die Hauptstadt Kampala. Ziel war es, Schüler und Schülerinnen die Notwendigkeit, sich vor Aids zu schützen näher zu bringen und ihnen Vorbeugemaßnahmen zu erklären. Im derStandard.at-Interview mit Thomas Bergmayr berichtet Feyer von den kursierenden Aids-Mythen und den Problemen, die viele Schulkinder in Uganda zu bewältigen haben.

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derStandard.at: In vielen afrikanischen Ländern ist Aids als Thema nach wie vor ein großes Tabu. Wie beurteilen Sie den Erfolg der Kampagnen in Uganda?

Feyer: Ich konnte mich davon überzeugen, dass die Arbeit von Straight Talk sehr effektiv und erfolgreich ist. Da es eine lokale Organisation ist, die vor Ort bereits Strukturen aufgebaut hat und die Bedürfnisse und Eigenheiten der Bevölkerung am besten kennt, konnten weite Bevölkerungskreise - je nach deren Bedürfnissen und Möglichkeiten - erreicht werden. Straight Talk ist daher bei den Menschen sehr populär.

derStandard.at: Wird über Aids auch öffentlich diskutiert?

Feyer: Ja, das Thema ist immer präsent. Die Menschen in Uganda sind außergewöhnlich offen und freundlich. Sobald ich von meiner Aufgabe berichtet habe, wurde ich mit Fragen und Geschichten zum Thema Aids bestürmt. Ich war überrascht, wie gut jeder über die Krankheit und den Schutz vor ihr Bescheid wusste, egal ob es sich um eine Verkäuferin am lokalen Markt, um Zufallsbekanntschaften im Überlandbus oder um die Schulkinder handelte.

Tragischerweise liegt das nicht zuletzt daran, dass jeder einzelne Mensch von den Auswirkungen der Krankheit persönlich betroffen ist. Als ich in einer Klasse fragte, wer in seiner oder ihrer unmittelbaren Umgebung mit Aids zu tun hat, gingen fast alle Hände in die Höhe.

derStandard.at: Was sind die Grundlagen der Aufklärungs-Aktionen?

Feyer: Ausschlaggebend für den Erfolg ist vor allem die massive Medienkampagne verschiedener unabhängiger Organisationen und der so genannte ABC-Slogan (A = Abstain/ Abstinenz, B = Be faithful/ Treue, C = Condomise/ Benutzung von Kondomen, Anm.), mit dem bereits in anderen Ländern versucht wird, Bewusstsein zu schaffen. Aber auch direkte gesetzliche Maßnahmen haben etwas bewirkt. Beispielsweise ist es zwingend vorgeschrieben, dass in jedem Hotelzimmer des Landes Kondome aufliegen.

derStandard.at: Im August dieses Jahres wurde in europäischen Medien von einem Kondom-Mangel in Uganda berichtet. Konnten Sie davon etwas feststellen?

Feyer: Nein, von einem Mangel an Kondomen konnte meiner Beobachtung nach keine Rede sein. Allerdings zeichnet sich in den letzten Jahren offenbar eine langsame Verschiebung der Wertigkeiten innerhalb der ABC-Strategie ab. Abstinenz und Treue werden nun gegenüber der Verwendung von Kondomen als Schutz vor Ansteckung stärker betont. Und das zeigt sich auch in der Verfügbarkeit dieses Verhütungsmittels. Wenn man früher an jeder Ecke Kondome erhielt, bekommen die Menschen sie heute sozusagen nur mehr an jeder zweiten Ecke.

derStandard.at: Woran könnte das liegen?

Feyer: Zwei Drittel der Bevölkerung gehören einer christlichen Glaubensgemeinschaft an. Daher ist auch der Einfluss religiöser Kräfte spürbar. Unter anderem engagiert sich die tief religiöse First Lady des Landes (die Gattin von Präsident Museveni, Janet Museveni, Anm.) in dieser Frage. Sie propagiert in erster Linie Abstinenz vor allen anderen Präventions-Maßnahmen. Das verunsichert viele gläubige Menschen. Aber die Erfahrung in den Schulen zeigte mir auch, dass selbst den religiösesten unter den Schülerinnen und Schülern die Bedeutung des Kondoms als Schutz vor Ansteckung bewusst ist. Im Zweifel wird es auch entgegen der religiösen Überzeugung benutzt.

derStandard.at: Eine Ihrer Aufgaben war es, mit verbreiteten Mythen und Gerüchten zu Aids und Sexualität aufzuräumen. Welchen Irrglauben sind Sie da am häufigsten begegnet?

Feyer: In praktisch jeder Klasse gab es Schülerinnen und Schüler, die an das eine oder andere Märchen glaubten. Beispielsweise dachten viele, dass man sich beim ersten Verkehr nicht anstecken kann, sondern immun ist gegen den HI-Virus.

Sehr verbreitet war auch der Mythos, dass die Einnahme von vier Aspirin vor dem Sexualverkehr eine Schwangerschaft verhindern würde.

Besonders hartnäckig hält sich das Gerücht, dass Kondome gar nicht schützen, weil sie an der Spitze mikroskopisch kleine Löcher aufweisen, die Spermien und Viren durchlassen.

Die meisten dieser Geschichten kursieren bereits seit langer Zeit und werden untereinander weitergegeben. Aber es gab auch Schülerinnen und Schüler, die angaben, dass sie derartiges im Radio gehört haben. Es drängt sich der Verdacht auf, dass besonders das Märchen von den Löchern in den Kondomen von religiösen Gruppen verbreitet wird.

derStandard.at: Wie sind Sie und die Mitarbeiter von Straight Talk solchen Mythen begegnet?

Feyer: In Diskussionsrunden ohne Anwesenheit der Lehrer, Vieraugen-Gesprächen oder selbst entwickelten Theaterstücken versuchten wir den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, wie wichtig es ist, sich so gut wie möglich zu schützen. Sehr erleichtert hat uns die Tatsache, dass wir überall auf große Offenheit gegenüber dem Thema Aids gestoßen sind, ja ein regelrechter Hunger herrschte nach Informationen zur Krankheit und allem, was damit zu tun hat.

derStandard.at: Mit welchen Problemen haben die Schülerinnen und Schüler zu kämpfen?

Feyer: In Uganda wird auf Bildung besonders großer Wert gelegt. Für eine abgeschlossene schulische Ausbildung nehmen die Kinder und Jugendlichen daher teilweise große Schwierigkeiten auf sich. Volksschulen sind in Uganda zwar kostenlos, doch für Secondary Schools (Höhere Schulen, Anm.) müssen Studiengebühren bezahlt werden. Oft reichen die Mittel aber nur für ein oder zwei Semester. Dadurch sind die Jugendlichen gezwungen, ihre Ausbildung vorübergehend zu unterbrechen. Im günstigsten Fall verdienen sie mit einfachen Jobs, als VerkäuferInnen bei einem Marktstand, einfachen Tätigkeiten in einem Restaurant usw., im schlimmsten Fall aber mit Prostitution das Geld für die Fortsetzung der Schulausbildung.

Dies führt dazu, dass in den teilweise sehr großen Klassen mit 60 bis 100 Kindern alle Altersgruppen vertreten sind. Oft gelingt der Schulabschluss erst in einem Alter, in dem europäische Jugendliche bereits ein Universitätsstudium abgeschlossen haben.

derStandard.at: Wurden bei Ihren Besuchen in den Schulen auch Ausbildungsfragen thematisiert?

Eine Frage ist mir in diesem Zusammenhang besonders in Erinnerung geblieben. Sie kam von einem 14-jährigen Waisenmädchen, das bei ihrem Onkel wohnte. Dieser finanzierte auch die Schulausbildung, doch zuletzt hatte er begonnen, Sex als Gegenleistung zu verlangen. Sollte sie sich ihm verweigern, dann würde er aufhören die Schulgebühr zu bezahlen und nicht mehr für sie sorgen. Dieses Mädchen wollte nun von mir wissen, ob eine Ausbildung es wert sei, den Forderungen ihres Onkels nachzugeben, oder ob sie ihre Zukunft riskieren sollte.

derStandard.at: Was haben Sie geantwortet?

Feyer: In dieser Situation war zunächst einmal keine konkrete Antwort auf dieses Problem möglich. Ich habe ihr aber empfohlen, Mitarbeitern von Straight Talk ihre Situation zu schildern. Die Organisation bietet neben der Möglichkeit zu Einzelgesprächen und emotionaler Hilfe auch finanzielle Unterstützung.

Das Problem ist, dass sehr viele Waisenkinder von so genannten "Sugar Daddys" und "Sugar Mommys" abhängig sind und im Verkauf ihres Körpers die einzige Möglichkeit sehen, ihre Schulausbildung zu finanzieren. Deshalb ist neben der Aufklärungsarbeit, die Straight Talk leistet, die finanzielle Unterstützung für Aids-Waisen von so großer Bedeutung.

Hintergrund

Die Aufklärungsampagnen von Straight Talk richten sich vor allem an 10-24-Jährige und deren Eltern, Erzieher und Lehrer.

Straight Talk produziert für 28 Radiostationen 15 Sendungen pro Woche in 11 Landessprachen und Englisch. Zeitungen werden in einer Auflage von 260.000 Stk. an 3000 Secondary Schools und 430.000 Stk. an 13.000 Volksschulen und andere Institutionen verteilt. Darüber hinaus gibt es 750 von Schülern gegründete Straight Talk Clubs.

Spenden an:
Stanbic Bank Uganda Ltd
Corporate Branch
P.o Box 7131,Kampala
Crested Towers Building

Konto: Straight Talk Foundation Ltd Nummer: 0140060560304

Links

Straight Talk

Uganda AIDS Commision

Uganda Network of AIDS Service Organisations (UNASO)

UNICEF

  • Zur Person
Die 20-jährige Wienerin Miriam Feyer studiert derzeit in Birmingham Psychologie. An dem sechswöchigen Programm der Organisation Straight Talk nahm sie auf eigene Kosten teil. Beruflich möchte sie sich auch in Zukunft hauptsächlich Kindern widmen.
    foto: miriam feyer


    Zur Person
    Die 20-jährige Wienerin Miriam Feyer studiert derzeit in Birmingham Psychologie. An dem sechswöchigen Programm der Organisation Straight Talk nahm sie auf eigene Kosten teil. Beruflich möchte sie sich auch in Zukunft hauptsächlich Kindern widmen.

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